Hamburger S-Bahn-Attacke : Hat das Opfer den Angriff provoziert?

Nach der tödlichen Attacke in einer Hamburger S-Bahn wird über eine mögliche Mitschuld des Niedergeschlagenen spekuliert. Unterdessen wird auch der Ruf nach einer umfassenden Videoüberwachung im Nahverkehr lauter.

Hamburg - Hamburgs Innensenator Udo Nagel (parteilos) forderte von Bundespolitik und Deutscher Bahn AG eine komplette Ausstattung von S-Bahnhöfen und -zügen mit Videoüberwachung. Auch der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) sprach sich dafür aus, die S-Bahnen nach dem Muster der U-Bahnzüge durchgängig mit Videotechnik nachzurüsten. Unterdessen ermittelt die Mordkommission, ob das 52-jährige Opfer den Angriff möglicherweise selbst provoziert hat.

Kameras hätten zwar voraussichtlich den Vorfall am Sonntagmorgen nicht verhindert, sagte ein Sprecher der Innenbehörde. Da aber wie in diesem Falle eine Tat häufig "von jedem anders geschildert" werde, könne eine Kameraüberwachung zumindest viel zur Ermittlung von Tathergang und Tätern beitragen. Der Senator könne jedoch nur appellieren, alle S-Bahnzüge und -bahnhöfe mit Videoüberwachung auszurüsten, da Bahn und Bundespolizei in der Verantwortung des Bundesverkehrs- und des Bundesinnenministeriums lägen.

Weniger Vandalismus durch Videoüberwachung

Seit der flächendeckenden Videoausstattung der Hamburger U-Bahn und der Umrüstung der Busse seien Gewalttaten, Schmierereien und Vandalismus bereits um 30 Prozent zurückgegangen. Die Polizei zieht unterdessen zu dem Vorfall einen möglicherweise anderen Tathergang in Betracht. Nach Angaben von sechs tatverdächtigen Jugendlichen, die sich am Dienstag der Polizei gestellt hatten, soll das 52-jährige Opfer die Attacke selbst provoziert haben. Die Aussagen der sechs junge Männer im Alter von 16 bis 19 Jahren widersprechen den Angaben der 37-jährigen Lebensgefährtin des Mannes, die in ihrer Vernehmung am Dienstag keine weiteren Angaben zum Tatverlauf habe machen können. Sie sei angetrunken gewesen und könne sich nicht mehr an Details erinnern.

Nach Angaben der Jugendlichen soll der 52-Jährige in der verbalen Auseinandersetzung auf einen 17-Jährigen aus der Gruppe zugegangen sein, ihn am Kopf angefasst und zu einer Schlägerei aufgefordert haben. Am S-Bahnhof Othmarschen seien beide dann ausgestiegen. Als der 52-Jährige Kampfhaltung einnahm, habe der 17-Jährige ihn einmal ins Gesicht geschlagen und sei dann wieder in die Bahn gestiegen. Der stark angetrunkene 52-Jährige sei langsam zusammengesackt.

Unklar ist laut Polizei zudem, ob der Mann wirklich an dem Faustschlag starb. Rechtsmediziner hätten keinerlei äußerliche Verletzungen gefunden. Nach den bisherigen Untersuchungen bestünden Zweifel an einem direkten Zusammenhang zwischen dem Faustschlag und den später beim Opfer festgestellten tödlichen Hirnblutungen. (tso/ddp)

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