• Hamburgerin Lena Kuhlmann: Die deutsche Schiedsrichterin für das Guinness-Buch

Hamburgerin Lena Kuhlmann : Die deutsche Schiedsrichterin für das Guinness-Buch

Lena Kuhlmann zählt Ballberührungen mit der Ferse oder stoppt die Zeit von Autoscooter-Fahrten. Als Unparteiische richtet die Hamburgerin über Bestleistungen für das Guinness-Buch der Rekorde.

Clara Lipkowski
Lena Kuhlmann ist Deutschlands einzige Schiedsrichterin für das Guinness-Buch der Rekorde.
Lena Kuhlmann ist Deutschlands einzige Schiedsrichterin für das Guinness-Buch der Rekorde.Foto: dpa

Ist dieser Beruf skurril? Absurd? Witzig? „Auf jeden Fall nicht langweilig“, findet Lena Kuhlmann. Die 30 Jahre alte Hamburgerin war dabei, als der Weltrekord im längsten Autoscooter-Fahren ohne Unterbrechung aufgestellt wurde (28 Stunden), stoppte die Zeit, als ein Mann in einer Minute die meisten Wasserballons mit den Fäusten zerplatzen ließ (34), und zählte die meisten Ballberührungen mit der Ferse, die der Fußballer Sinan Öztürk in einer Minute schaffte (157).

Lena Kuhlmanns Job ist es, für das Guinness-Buch der Rekorde ebendiese zu messen: Weltrekorde. Dafür reist sie um die Welt und schaut gewissermaßen Menschen dabei zu, wie sie kuriose Hobbys präsentieren und seltene Bestleistungen erzielen. Das Unternehmen beschäftigt 71 Schiedsrichter weltweit, Lena Kuhlmann ist die einzige aus Deutschland.

Viele der Versuche werden mit Zuschauern, Musik und teils Fernsehübertragungen als größere Veranstaltungen inszeniert. Für Lena Kuhlmann heißt das, den Rekordversuch möglichst reibungsfrei über die Bühne zu bringen. Funktionieren die Zeitmessung und das Zählsystem? Hat das Hilfspersonal, das mitzählen muss, alles im Griff? Dabei steht sie mittendrin, makellos gekleidet in der offiziellen Berufsbekleidung des Guinness- Buchs der Rekord, im dunklen Blazer, grauen Rock, dunklen Pumps und um den Hals ein Seidentuch. Fehler sind nicht erlaubt, findet sie, etwa, einmal zu oft auf das Handzählgerät zu drücken. Da sagt die Hamburgerin resolut: „Das darf einfach nicht passieren.“ Sie muss freie Sicht auf das Geschehen haben und darf nicht von der Seite angesprochen werden. „Ich bin dann komplett im Tunnel und kriege nichts anderes mit“, sagt sie. Denn während alle „ganz aufgeregt sind, bin ich diejenige, die einen kühlen Kopf bewahrt“. Das mache viel Spaß, sei aber auch anstrengend, findet Kuhlmann.

Manchmal bekommt die 30-Jährige blöde Sprüche zu hören

Viele Kandidaten haben lange auf den Rekordversuch hingearbeitet. Der Fantasie, welche Bestleistung sie erzielen wollen, sind keine Grenzen gesetzt, im Grunde müssen die Versuche nicht einmal einen Sinn haben. Laut Guinness- Buch erfordern sie lediglich „besondere Fähigkeiten“; nur zu gefährlich dürfen sie nicht sein. Dem Besten gebühren Ruhm und Ehre, eine Urkunde und bisweilen ein Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde. Seit 1955 ist das Grund genug für manche Menschen weltweit, Können oder verrückte Leistungen unter Beweis zu stellen. Auch Tiere können Weltrekorde aufstellen, schon allein das Faktum „Größter Hund weltweit“ reicht zum Titel (bislang die Dogge Zeus, Schulterhöhe 1,12 Meter, starb 2014). Der Titel muss entsprechend, in dem Fall also mit dem Metermaß, bewiesen werden. Oft werden Rekordversuche auch zu Wohltätigkeitszwecken genutzt: Auf den Philippinen hatten Ärzte 7152 Mal in acht Stunden Menschen mit dem Ultraschall untersucht. Und so vielen Filipinos eine kostenlose medizinische Untersuchung ermöglicht.

Die Arbeit hat ihre Vor- und Nachteile. „Wenn Teilnehmer einen Rekord schaffen, haben einen alle lieb“, sagt Kuhlmann, „wenn nicht, finden einen alle doof.“ Da könnten schon mal blöde Sprüche und böse Blicke kommen. Wie bei einem Versuch in Rumänien, das größte Training einer Herz-Lungen-Massage zu organisieren. 10.000 Teilnehmer reichten nicht, die bestehende Bestleistung lag bei mehr als 11.000. „Das tut mir dann zwar auch leid, aber das prallt an mir ab“, sagt sie. „Die Kandidaten werden nach klaren Regeln beurteilt, die weltweit die gleichen sind“, erklärt sie, „deswegen nehme ich es nicht persönlich, denn den Frust kann ich verstehen, die Anwärter stecken ja viel Energie in die Versuche.“

40.000 Rekordtitel hat die Londoner Firma Guinness World Records (GWR). Die berühmten Rekordebücher sind nach wie vor die Haupteinnahmequelle des Unternehmens, vor Kurzem ist das neueste für 2017 erschienen. Ansonsten finanziert sich GWR, mit Büros in Großbritannien, den USA, China und Japan, durch Eigenvermarktung: TV-Shows, Konsolenspiele und Museen. Längst ist GWR als Marke eingetragen.

Um über die Rekordversuche zu richten, reist die Hanseatin durch die ganze Welt. Ihre nächste Reise geht nach Barcelona. „Mein Hauptfortbewegungsmittel ist das Flugzeug“, sagt sie. Zu dem Job kam die Kommunikationsstrategin und Autorin, indem sie auf gut Glück bei GWR anrief. Sie hatte im Fernsehen von dem Job als Guinness-World-Schiedsrichter erfahren. Prompt kam eine Einladung in die Londoner Unternehmenszentrale, kurz darauf folgte ein Trainingsprogramm.

Die Hälfte der Woche ist sie in Hamburg, die andere auf Reisen

Nun lebt sie eine Hälfte der Woche in Hamburg, die andere reist sie zu Terminen, Arbeitssprache ist meist Englisch und auch Spanisch kann sie anwenden. Familienverträglich ist die Arbeit nicht besonders. Für Kuhlmann aber kein Problem, Freunde und Familie seien sowieso in ganz Deutschland verteilt und wüssten, dass sie nicht immer greifbar sei.

Wie wichtig Schiedsrichter sein können, zeigte zuletzt ein Versuch in München, die meisten Maßkrüge zu tragen. Matthias Völkl hatte den bestehenden Rekord von 25 Krügen übertroffen. Anwesend war aber kein Schiedsrichter, der Versuch wurde regelkonform mit Videomaterial und Zeugenaussagen dokumentiert. Völkl schaffte es, 29 Krüge zu tragen. Unstimmigkeiten gab es aber darüber, ob er sie korrekt abgestellt habe. Der anwesende bisherige Weltmeister Oliver Strümpel hält den Versuch für ungültig. Er habe gesehen, dass Völkl beim Abstellen der Gläser Hilfe gehabt habe. „40 Meter laufen kann ich mit 30 Krügen“, sagt er, „das Abstellen ist das Problem.“ Nun muss Guinness World Records das Beweismaterial sichten und über den Versuch entscheiden. Das kann bis zu zwölf Wochen dauern. Wäre Kuhlmann anwesend gewesen, hätte es umgehend eine Entscheidung geben können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben