Handy : Auf ewig verbunden

Handynutzer spinnen einen Telekokon, sagen Experten - Frauen lassen sich sogar ihren Eisprung simsen.

Verena Friederike Hasel
Handy
Im Alltag, in der Liebe, im Beruf. Ohne Handy geht heute nichts mehr; nicht nur in Deutschland. -Foto: ddp

Nun ist es so weit, Deutschland hat mehr Handyverträge als Bürger. Seit kurzem gibt es laut Branchenverband Bitcom mehr als 100 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Damit besitzt statistisch jeder fünfte Deutsche zwei Handys oder Mobilfunkkarten. Die Deutschen halten das Handy einer Allensbacher Untersuchung zufolge für eine der wichtigsten Erfindungen neben dem Geldautomaten.

Dabei ist Handy nicht gleich Handy: Erwachsene nutzen es zur Alltagskoordination, sprechen etwa ab, wer den Sohn vom Reiten abholt. Jugendliche dagegen etablieren über das Gerät eine Art Standleitung zu ihren Freunden, meist befeuert durch SMS.

Diese SMS dienen der Kommunikationspsychologin Nicola Döring zufolge meist der Verabredung oder sind eine Form des Anklopfens: Man fragt per SMS, ob der andere gerade anrufbar ist. Auch sind SMS Gradmesser des sozialen Rangs: Sag mir, wie viele SMS du bekommst und ich sage dir, wie beliebt du bist. Außerdem stellen Kurznachrichten bei Jugendlichen eine Art amourösen Initiationsritus dar; vor dem ersten Telefonat steht meist ein längerer SMS-Dialog. Auch den Erwachsenen ist das Mobiltelefon in der Liebe wichtig, vor allem bei Fernbeziehungen. Eingeleitet durch die Frage „Wo bist du gerade?“ versuchen Paare ihre Tagesabläufe via Handy zusammenzuführen; häufig, so fand Döring heraus, mittels täglicher „Guten Morgen“- oder „Gute Nacht“-Anrufen.

Außer der Durchgabe von Informationen schafft das Handy einen Raum neben Zuhause und Unterwegs; der japanische Wissenschaftler Ichiyo Habuchi spricht vom „Telekokon“, der sich um den Besitzer spinnt. Ein Handy kann Sicherheit geben: 43 Prozent der in einer Studie befragten Frauen gab an, sich angesichts eines zudringlichen Männerblicks nicht in der Zeitung zu versenken, sondern zum Handy zu greifen. Auf Parties sieht man Menschen SMS in ihr Handy hacken, anstatt sich unter die Gäste zu mischen.

Dieser SMS-Autismus ist eine Kehrseite der Handynutzung. 13 Prozent der Befragten in einer britischen Studie haben schon via Kurzmitteilung Schluss gemacht. Auch befördert das Handy Unverbindlichkeit; die zugehörige neue Vokabel lautet: „approximeet“. So nennen Engländer den heute typischen Verabredungsvorgang – ein Treffen nur andenken und dann noch mehrere Male ausgiebig hin- und hertelefonieren.

In Japan lassen sich Frauen indes per SMS an ihren Eisprung erinnern, in der Klinik Bad Pyrmont übernimmt ein SMS-Service die Nachbetreuung von Bulimie-Patienten. Einmal pro Woche teilen sie via SMS ihren Zustand mit, zurück bekommen sie eine vorgefertigte Antwort, etwa den Tipp, Mahlzeiten im Detail vorzuplanen.

In muslimischen Ländern mit repressiven Sexualvorstellungen wie Saudi-Arabien hat das Handy eine sexuelle Revolution eingeleitet; der Schlüssel heißt Bluetooth. Dort melden sich viele junge Leute mit einem Persönlichkeitsprofil bei Diensten an, die ihnen über Blue Tooth andere Nutzer in der direkten Umgebung anzeigen. Und während die Freundinnen im Café miteinander zu reden scheinen, kommunizieren sie mit ihren Blue Tooth-Beaus am Nachbartisch. Für sie bedeutet ein Handy definitiv Freiheit, für Menschen hier wird es inzwischen zur Last. Neulich berichtete eine britische Zeitung über Menschen, die sich für ein Leben ohne Handy entschieden haben – zum Befremden ihrer Umgebung. Sie sind die jungen Wilden von heute.

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