Welt : Handy-Gottesdienst: Gottes Wort liegt in der Luft

Annika Ulrich

Ein Vaterunser hat 315 Zeichen, die Leerzeichen zwischen den Wörtern nicht mitgerechnet. Viel zu lang! Die Kurzmitteilung, die die Evangelische Jugend Hannover gestern Abend um 17 Uhr 30 auf mehr als 1600 Handys in ganz Deuschland schickte, sah deshalb ziemlich gestaucht aus: VaterUnserImHimmel.GeheiligtWerdeDeinName... . So kurz wie möglich, lautet Grundregel Nummer eins für SMS, bloß keines der 160 Zeichen verschwenden. Doch auch so mußte das Loblied auf den Vater im Himmel in zwei Hälften geteilt werden. Eine Minute später, um 17 Uhr 31 ging ein zweites Bimmeln durch Straßenbahnen, Supermärkte und Wohnzimmer: InEwigkeit.Amen.

Stundenlang hatte die Projektgruppe "SMS-Gottesdienst" an den Texten getüftelt, auf den Knien stapelweise Blanko-Formulare mit 160 kleinen Strichen. Einen ganzen Gottesdienst in sieben SMS zu packen, diese Aufgabe hatten sich der Jugendpfarrer, zwei Diakone und einige Ehrenamtliche selbst gesteckt. Nur, wie schreibt man eine Predigt mit maximal 160 Zeichen? "Indem man jedes Wort auf die Goldwaage legt", sagt Diakon Stefan Heinze. Was dabei herauskommt, liest sich so: "Gottes Liebe ist in dir. Hast du Furcht, besinne dich auf deine Kraft. Der Geist ist in dir angelegt. Als Geschenk Gottes. Sei begeistert, denn du bist behütet."

1600 Jugendliche hatten sich für den Gottesdienst angemeldet. Den Massenversand der Nachrichten musste der Computer übernehmen. Parallel zur Handymesse fand im Jugendzentrum ein Gottesdienst mit einem leibhaftigen Pastor statt, der allerdings äußerst wortkarg war. Für die 100 Jugendlichen, die mit ihren Handys auf Sitzkissen rund um den Altar Platz genommen hatten, wurden die Kurznachrichten mit Musik und Pantomime ausgeschmückt, mündliche Bibelauslegungen über den SMS-Text hinaus gab es aber nicht. Stefan Heinze hatte als Regisseur des Gottesdienstes vor allem eines im Blick: die Uhr. Weil die Messe gleichzeitig per Webcam im Internet zu sehen war, mußten exakte Sieben-Minuten-Abstände zwischen Bibeltext, Predigt und Vaterunser eingehalten werden, um mit den Handy-Nachrichten synchron zu bleiben. Im Internetcafe spuckte der Drucker unterdessen die Fürbitten aus, die die Gottesdienst-Teilnehmer per SMS nach Hannover geschickt hatten und die dort vorgelesen wurden: "Gott, hilf du mit, dass ich in meinem Wunschberuf Arbeit finde", "Mein Bruder liegt im Wachkoma, betet um Heilung!", "Könnt ihr bitte dafür beten, dass ich gut für Physik lernen kann und nicht durchfalle? Gottes fetten Segen für euch!"

"Mit dem SMS-Gottesdienst erreichen wir Leute, die sonst mit Kirche nicht viel zu tun haben", sagte Heinze. "Aus unserem Chat wissen wir, dass viele noch nicht mal Christen sind." Es sei eben ein neuer Weg, "ein Experiment mit einem Medium, das für Jugendliche völlig alltäglich ist." Die Idee stammt von Diakonin Martina Zeusel. Mit einer Jugendgruppe hatte sie einen Gottesdienst vorbereitet. Die Jugendlichen schlugen vor, das Glockengeläut mit ihren Handys zu imitieren und die Fürbitten per SMS zum Altar zu schicken. Wie oft der SMS-Gottesdienst in Zukunft stattfinden kann, ist noch nicht klar. Schließlich sind SMS nicht ganz billig, und obwohl es Sponsoren gibt, zahlt die Evangelische Jugend pro Teilnehmer eine Mark drauf. Trotzdem denkt die Projektgruppe darüber nach, wie man die Idee ausbauen könnte: "In der Schweiz gibt es sogar eine Seelsorge per SMS. Das ist doch ein interessanter Gedanke."

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