Handys im Flugzeug : Fluchlärm

Für viele ein Albtraum: Handys im Flugzeug werden erlaubt. Aber die Airlines halten sich zurück.

Rainer W. During

Mit dem Handy stundenlang im Flugzeug telefonieren und sich damit die Zeit verkürzen – viele sehnen sich danach. Für andere ist die Vorstellung ein Albtraum, zwischen zwei Angebern zu sitzen, die mit lauter Stimme pausenlos ihre Heldentaten ins Handy quatschen und den Umsitzenden ihre Befindlichkeit aufdrängen. Das Bundesverkehrsministerium hat Handys im Flugzeug jetzt im Grundsatz erlaubt, doch die hiesigen Airlines zeigen noch wenig Interesse. In Deutschland signalisieren die beiden großen Airlines deutliche Ablehnung. „Die Mehrzahl der Gäste würde laut Umfragen Handytelefonate eher als Störfaktor empfinden“, sagt LufthansaSprecher Michael Lamberty. „Telefonate wird es bei uns nicht geben“, sagt auch Alexandra Müller von Air Berlin. Beide Unternehmen sehen die Priorität in bordeigenen Internetanschlüssen, von wo aus die Passagiere ihre Notebooks für Mails benutzen können.

Aber die Branche teilt sich in zwei Lager. Der arabische Luxuscarrier Emirates und die australische Qantas sind dabei, Mobiltelefone zuzulassen. „Solange ich hier der Chef bin, kommt mir so etwas nicht an Bord“, sagt dagegen Akbar al Baker, Chef des Konkurrenten Qatar Airways. Und Huang Cheng Eng, Vizepräsident von Singapore Airlines, fragt: „Möchten Sie zwischen zwei Passagieren sitzen, die mit ihren Handys telefonieren?“ Der Boss des Billigfliegers Ryanair, Michael O’Leary, verspricht sich von der Handynutzung dagegen zusätzliche Einnahmen und lässt sich an den anfallenden Telefongebühren beteiligen. Mitte des Jahres sollen die ersten 30 Maschinen mit Mobilfunkanschluss starten. Über die Gebühren machte er bisher keine Angaben. Vermutlich wird der Preis ähnlich hoch sein wie heute ein Handygespräch aus dem Ausland.

„Wir halten das im Moment für keine gute Idee“, sagt Oliver Aust vom Wettbewerber Easyjet. „Wir glauben, dass die Passagiere auf den Kurzstrecken eher Ruhe genießen wollen.

Wahrscheinlich wollen sie das auch auf Langstrecken tun. Passagiere, die keine Telefonierer neben sich wollen, sollten künftig nachfragen, bevor sie buchen. Das könnte für die Fluggesellschaften ein Wettbewerbsthema werden, wobei unklar ist, wer dabei mehr Vor- als Nachteile erringt.

Passagiere, die unbedingt telefonieren wollen, sollten sich auch informieren. Es ist auch nach dem grünen Licht aus dem Verkehrsministerium mitnichten erlaubt, einfach zum Handy zu greifen, wenn das die Fluggesellschaft nicht ausdrücklich genehmigt hat. Wer einfach zum Handy greift, ohne dass die Fluggesellschaft das erlaubt, begeht juristisch nach wie vor eine Straftat.

Wer unerlaubt an Bord elektronische Geräte betreibt, „wird mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen bestraft“, heißt es nach wie vor im Luftverkehrsgesetz. Dem Luftrechtsexperten Elmar Giemulla ist aber kein Fall bekannt, in dem deutsche Richter einen Flugtelefonierer ins Gefängnis steckten. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, das jetzt in allen Flugzeugen telefoniert werden darf“, sagt Giemulla. Was jeweils erlaubt oder verboten sei, müsse vom Kabinenpersonal angesagt werden. „Wichtig ist, dass der Passagier seine Fluggesellschaft fragt, bevor er anfängt zu telefonieren“, warnt auch Cornelia Kramer vom Luftfahrtbundesamt.

Dabei gelten die Handys schon lange nicht mehr als Gefahr für die Flugsicherheit. Messungen an Bord eines Lufthansa-Jumbos ergaben selbst bei der 25-fachen Sendestärke normaler Mobiltelefone keine Beeinträchtigung der Systeme. So wird in den Bordansagen längst auf den entsprechenden Hinweis verzichtet und nur noch vom gesetzlichen Verbot gesprochen.

In den üblichen Flughöhen von acht oder zehn Kilometern dagegen würden die Handys den Kontakt zur Bodenstation verlieren. Deshalb haben verschiedene Hersteller Anlagen entwickelt, die aus der Flugzeugkabine eine eigene, kleine Mobilfunkzelle machen. Mit diesem zwischengeschalteten Sender und Empfänger kommen die Telefone mit minimalster Sendeleistung aus und sind per Satellit mit dem Bodennetz verbunden. Im Januar genehmigte die Bundesnetzagentur die benötigten Funkfrequenzen auch in Deutschland. Mit einer Änderung der Luftfahrzeugelektronik-Betriebsverordnung hat das Verkehrsministerium den Einbau dieser Anlagen jetzt genehmigt. Das System der Schweizer Firma On Air bekam bereits die erforderliche Zulassung der europäischen Flugsicherheitsagentur Easa.

Die Air France testet das On-Air-System bereits auf einem Airbus A 318, hält sich mit einer generellen Einführung aber zurück – noch.

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