• Harald Martenstein unter Nobelpreisträgern: „Der Terminator soll kein Chinese sein"

Harald Martenstein unter Nobelpreisträgern : „Der Terminator soll kein Chinese sein"

Bioroboter? Gedankenlesen? Kommt alles. Unser Kolumnist begleitet das 65. Lindauer Nobelpreisträgertreffen. Und sieht Science-Fiction Realität werden.

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Harald Martenstein Foto: Britta Pedersen/dpa
Harald MartensteinFoto: Britta Pedersen/dpa

Der Kongresstag in Lindau beginnt leider um 7 Uhr, Arbeitsfrühstück mit Diskussion zum Thema „Wissenschaft und Ethik“. Einer der Stargäste ist der in Luxemburg geborene Medizin-Nobelpreisträger Jules Hoffmann. Den Preis musste er sich 2011 teilen, weil ein Kollege zeitgleich das Gleiche herausgefunden hat wie er. Es handelte sich, vereinfacht gesagt, um die Entschlüsselung etlicher Geheimnisse des menschlichen Immunsystems. 

Wissenschaft und Ethik – zu diesem Thema fallen einigen Nachwuchsforschern vor allem ihre Berufsprobleme ein, Verträge mit kurzer Laufzeit, hoher Publikationsdruck, so etwas. Die Wissenschaft ist eine in sich geschlossene Welt, in der alle Englisch reden und alle ähnlich ticken, von der Außenwelt muss man nicht unbedingt viel mitkriegen. Die daueraufgeregten Medien und die ahnungslosen Laien da draußen werden, so mein Eindruck, vor allem als Nervensägen wahrgenommen. Diese Haltung ist verständlich, aber nicht ungefährlich. Wichtig ist die Stimmung da draußen schon.

Was sind das für schwachsinnige Debatten? Spinnen die da draußen?

Die Impfverweigerer machen jemanden wie Hoffmann einfach nur fassungslos. Er rechnet vor, dass durch Impfungen bisher 1,5 Millionen Menschenleben gerettet wurden. Durch genetisch veränderte Lebensmittel ist noch nie ein einziger Mensch zu Schaden gekommen, und man könnte durch Genfood so viele vor dem Hungertod retten – in Hoffmanns Gesicht stehen die Sätze geschrieben: Was sind das für schwachsinnige Debatten? Spinnen die da draußen? Aussprechen würde er das vermutlich nie. Hier, in der akademischen Welt, bleibt man höflich und gefasst.

Schön ist es in Lindau. Eine Bank in einem Park läd zum Verweilen ein - und zum Nachdenken über die Zukunft des Menschen. Foto: Harald Martenstein
Schön ist es in Lindau. Eine Bank in einem Park läd zum Verweilen ein - und zum Nachdenken über die Zukunft des Menschen.Foto: Harald Martenstein

Ich bin auf Hoffmanns Seite. Aber die Themen, die in der Zeitung stehen und über die sich die Aufregungsaktivisten aufregen, Genfood zum Beispiel, sind sowieso die Erfindungen von gestern. Eher nebenbei taucht in der Debatte die Information auf, dass es bald möglich sein wird, Gedanken zu lesen. Hier, drinnen, in der Welt der Experten, scheint das jedem klar zu sein, es wird kommen, garantiert. Du liest Gedanken, vielleicht so, wie du heute fernsiehst oder wie der Geheimdienst deine Emails checkt. Es wird nicht in zwei Jahren so weit sein, aber wer heute dreißig ist, wird es wohl erleben. „Für Diktaturen“, sagt jemand, „bietet das unglaubliche Möglichkeiten.“

Das Internet ist nur ein Zwischenschritt

Was wir heute können, sagt Hoffmann, ist gar nichts, verglichen mit dem, was in 50 Jahren sein wird. Die Veränderungen kommen immer schneller, kein Vergleich mit dem gemächlichen Tempo der Wissenschaft in den 50 Jahren, die hinter uns liegen. Und wir, die Laien, haben keine Ahnung von dem, was kommt. Gedankenlesen! Das Internet ist so was von 80er Jahre, das Internet ist nur ein Zwischenschritt.

Boote liegen seelenruhig in Lindau, während sich auf dem 65. Lindauer Nobelpreisträgertreffen über die Manipulation von Genen unterhalten wird. Foto: Harald Martenstein
Boote liegen seelenruhig in Lindau, während sich auf dem 65. Lindauer Nobelpreisträgertreffen über die Manipulation von Genen...Foto: Harald Martenstein

Was bedeutet Gedankenlesen eigentlich für die Zukunft der Printmedien? Wie kriegt man die Botschaft der Werbekunden in die Gehirne hinein, was bedeutet es, wenn es neben der Onlineredaktion auch noch eine Gedankenredaktion gibt? Ich will gar nicht darüber nachdenken – obwohl, noch könnte ich es unbemerkt tun. Aber es kommt noch härter.

Am Mittag gibt es eine Pressekonferenz, unter anderem mit den Nobelpreisträgern Elizabeth Blackburn, Michael Bishop, der wie die Wiedergeburt von Sigmund Freud aussieht, und Sir Richard Roberts. Thema sind die künftigen Möglichkeiten, an den menschlichen Genen Reparatur- und Verschönerungsarbeiten durchzuführen. Dazu gibt es jede Menge ethischer Grundsatzdebatten. Darf an Embryos experimentiert werden, bis zu welchem Alter des Embryos? Alles steht noch ziemlich am Anfang, im Moment geht es erst mal um einfache Korrekturen, um „monogenetic deseases“, zu deren Heilung nur ein einziges Gen ausgetauscht werden muss. „Das schlechte Gen gegen ein gutes Gen austauschen“, so nennen sie es. Embryos mit Downsyndrom können in nicht ferner Zukunft im Mutterleib repariert werden, das zeichnet sich ab.

"Man muss unbedingt mit den Chinesen reden"

Die Forscher sind sich einig darüber, dass diese Methode nur zur Behandlung von Krankheiten oder zur Korrektur von Behinderungen eingesetzt werden sollte, nicht zur Optimierung des Menschen, nicht zur Züchtung von Designerbabys. Sie denken eisern immer nur an den nächsten Schritt auf ihrer Forscherleiter, das fällt auf. Und sie sehen meistens nur das Positive, so, wie die dauerempörten Fortschrittskritiker immer nur das Negative sehen. Blackburn sagt, zum Thema Zukunftsgefahren: „Es kann ja auch jederzeit ein Mensch einen anderen Menschen ermorden. Das muss man eben verhindern.“ Na ja, immer klappt es nicht.

65 Nobelpreisträger auf einem Fleck bei der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Vorne mit dabei: Bundespräsident Joachim Gauck und Gräfin Bettina Bernadotte, Präsidentin des Kuratoriums für die Tagung. Foto: Harald Martenstein
65 Nobelpreisträger auf einem Fleck bei der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Vorne mit dabei: Bundespräsident Joachim Gauck...Foto: Harald Martenstein

Sehr unangenehm ist die Tatsache, dass die Chinesen sich mit großer Energie auf das Forschungsziel „gentechnische Menschenoptimierung“  gestürzt haben. In China passiert unheimlich viel, aber man weiß nicht genau, was. Die internationalen Fachkonferenzen scheinen die Chinesen zu meiden, seltsam, oder? Man müsse die Chinesen einladen, sagt Roberts, man muss unbedingt mit den Chinesen reden. Und dann erwähnt Bishop, eher nebenbei, dass zu den möglichen Gefahren der Zukunft der Bioroboter gehört, das wäre dann wohl ein künstlicher, steuerbarer Mensch mit Superkräften oder Superintelligenz oder beidem, mit anderen Worten, eine Art Terminator, wie Arnold Schwarzenegger ihn gespielt hat.

Das sind keine Utopien mehr. Das werden die heute Dreißigjährigen vielleicht erleben. Und man wird die Forschung nicht stoppen können, allein schon wegen der Chinesen geht es nicht. Als ich die Pressekonferenz verlasse, denke ich: „Der Terminator soll, wenn er denn kommt, wenigstens kein Chinese sein. Der Terminator soll, wenn er denn kommt, ein Typ sein wie Arnold Schwarzenegger. Das ist noch das Beste, was die Menschheit kriegen kann.“   

Auf Einladung der Veranstalter bloggt Harald Martenstein zur 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Zu finden sind die Blog-Einträge auf der Homepage der Tagung. Wir übernehmen die Beiträge mit freundlicher Genehmigung des Veranstalters. Lesen Sie hier auch Harald Martensteins Kolumne im Tagesspiegel.

 

 

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