Welt : Hartes Herz

Verpflanzten Ärzte mit Absicht ein falsches Organ?

Antje Kramer[Zürich]

Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, ein Jahr nach der verhängnisvollen Operation: Ärzte des Universitätsspitals Zürich sollen einer Patientin bewusst ein Herz mit einer falschen Blutgruppe eingepflanzt haben – die Operation führte binnen weniger Tage zum Tod der Frau. Nachdem anfangs von einem Versehen die Rede war, steht nun der Vorwurf im Raum, die Ärzte seien das Risiko bewusst eingegangen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen auf vorsätzliche Tötung ausgedehnt. Für Schlagzeilen sorgte die misslungene Operation bereits vor einem Jahr: Nachdem bekannt wurde, dass der 57-jährigen Rosmarie Voser ein Herz mit der falschen Blutgruppe eingepflanzt worden war, schlugen die Wogen hoch. Doch damals ging die Öffentlichkeit noch von einem Versehen aus: Es habe sich um ein Missverständnis zwischen den behandelnden Ärzten und damit um menschliches Versagen gehandelt, teilte die Leitung des international renommierten Zürcher Universitätsspitals im April 2004 mit.

Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den inzwischen pensionierten Chefarzt der Herzchirurgie, Marko Turina. Es wurde still um den Fall – bis vor rund zwei Wochen, als Schweizer Medien die schwer wiegenden Vorwürfe öffentlich machten, wonach der Frau das falsche Herz bewusst, also in einer Art Experiment, eingesetzt worden sei. Dies jedenfalls soll aus einem Gutachten des rechtsmedizinischen Instituts Zürich sowie aus Protokollen der Staatsanwaltschaft hervorgehen, die der Anwalt der verstorbenen Patientin den Medien zugespielt hat.

Über die Motive der behandelnden Ärzte kann derzeit nur spekuliert werden: Möglicherweise war der Zeitdruck sehr groß, da es Rosmarie Voser immer schlechter ging. Auch medizinische Neugier könnte ein Motiv gewesen sein: Laut Medienberichten hat einer der Ärzte ausgesagt, dass es vor Jahren am Berner Inselspital gelungen sei, ein Herz mit einer fremden Blutgruppe zu transplantieren – der Patient überlebte dank immunologischer Nachbehandlung. Sollte es sich tatsächlich um ein Experiment gehandelt haben, hätte Rosmarie Voser darüber freilich informiert werden müssen. Dubios auch, dass die Ärzte ausgerechnet im Fall Voser einen solchen Versuch gewagt haben sollen: um die Möglichkeiten der Organspende aufzuzeigen, war die 57-Jährige vor der Operation wochenlang von einem Schweizer Kamera-Team begleitet worden. Der Fall war damit von Anfang an unter öffentlicher Beobachtung. Die „NZZ am Sonntag“, die den Skandal als Erste öffentlich machte, bezieht sich neben den Protokollen auf anonyme Quellen, die sie nicht preisgeben will. Die Staatsanwaltschaft will die Zeitung nun per Gericht dazu zwingen, die Namen der Informanten doch noch zu nennen. Die Presse steht noch in anderer Hinsicht im Mittelpunkt des Falls Voser: Während die Staatsanwaltschaft sich unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen bedeckt hält und Spitalleiterin Christiane Roth sowie die Zürcher Gesundheitsdirektorin Verena Diener sich zunehmend in Widersprüche verwickelten, brachten die Medien immer neue Details ans Licht: Mittlerweile steht der Vorwurf im Raum, dass sowohl Diener als auch Roth von den Vorgängen gewusst haben sollen – der Medizinskandal hat sich damit zum politischen Skandal ausgeweitet. Der Anwalt der verstorbenen Patientin hat inzwischen gefordert, dass die Staatsanwaltschaft auch die Klinikleiterin zu den Vorgängen befragen soll – eine Stellungnahme zu den Vorwürfen lehnen sowohl Diener als auch Roth ab.

Eine parlamentarische Untersuchungskommission wird es vorläufig nicht geben, dies hat der Zürcher Kantonsrat beschlossen. Auf Anweisung von Gesundheitsdirektorin Diener finden am Zürcher Universitätsspital seit rund einer Woche keine Herztransplantationen mehr statt. Der Druck auf das medizinische Personal sei zu groß geworden. Es brauche Zeit, um den Vorfall zu prüfen. Zwei Ärzte, einer davon steht im Verdacht, für die fatale Operation hauptverantwortlich zu sein, wurden suspendiert.

Seitdem wurden am Universitätsspital zehn Herztransplantationen vorgenommen, die zwei Patienten nicht überlebt haben. Die Sterblichkeitsrate am Zürcher Spital entspreche dem internationalen Durchschnitt, beteuerte die Klinikleitung, doch das Misstrauen bei der Bevölkerung sitzt tief.

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