Welt : Hat Christinas Mörder weitere Kinder auf dem Gewissen?

CLOPPENBURG (AP/dpa).In Elisabethfehn stehen vor dem Garten, in dem der Mörder der elfjährigen Christina Nytsch am Freitag festgenommen wurde, Polizisten.Ein Mann und eine Frau haben ein Spruchband aufgebaut: "Mensch werde endlich wach - Wir fordern härtere Strafen".In der sonst ruhigen Wohnstraße drängen sich die Autos."Da hat er gesessen mit dem Baby im Arm und ihm die Flasche gegeben", berichtet eine Frau."Das ist der Horror", sagt sie.Sie hat eine achtjährige Tochter, die sie seit dem Mord kaum aus den Augen ließ.Die Vorstellung, daß der Mörder in derselben Straße wohnte, ist für sie nicht zu fassen.

Die Polizei prüft jetzt eine Beteiligung des Täters an weiteren unaufgeklärten Fällen.Dazu solle ein Bewegungsbild erstellt werden, wie es im Fall des Mörders der 1997 getöteten Kim Kerkow zur Aufklärung von fünf anderen Sexualtaten führte.Soko-Sprecher List sagte, der 30jährige Ronny R.sei auch zum Fall Ulrike Everts verhört worden.Die damals 13jährige aus der Ortschaft Jeddeloh nahe Christinas Heimatort wird seit Juni 1996 vermißt.Zu diesem Fall habe er kein Geständnis abgelegt.

Die Polizei war dem dreifachen Familienvater, der im Alter von 21 Jahren bereits eine 17jährige Frau vergewaltigt hatte und wegen eines positiven Gutachtens vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, schon seit über einem Monat dicht auf den Fersen gewesen.Kurz nachdem er am Karfreitag an dem freiwilligen Massen-Speicheltest teilgenommen hatte, führte ein Hinweis aus der Bevölkerung auf seine Spur.Da es jedoch keine weiteren Anhaltspunkte gab, und der Mann auf seine Teilnahme an dem Test verwies, wurde erst die Auswertung abgewartet.Die Frage, warum der Mann als vorbestrafter Sexualverbrecher, der in der Nähe wohnte, nicht sofort nach dem Mord überprüft wurde, blieb offen.

Die Speichelprobe von Ronny R.mit der Nummer 3889 stimmte sowohl mit dem genetischen Fingerabdruck des Mörders von Christina als auch mit dem des Vergewaltigers eines elfjährigen Mädchens von 1996 überein.Der 30jährige legte für beide Fälle ein Geständnis ab.Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.

Bei dem Massen-Speicheltest handelte es sich um die größte Gen-Reihenuntersuchung der Kriminalgeschichte.Mehr als 16 000 Männer aus Strücklingen und Umgebung waren zu dem freiwilligen Test aufgerufen worden.

Ronny R.sei vermutlich nicht nur wegen des Fahndungsdrucks zu dem ihn überführenden Speicheltest gegangen, sagt der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN), Professor Christian Pfeiffer: "Es ist bekannt, daß solche Menschen gespalten leben.Auf der einen Seite das Leben als Familienvater, auf der anderen dann die dunkle Seite der Persönlichkeit.Die bürgerliche Existenz ist nicht nur Fassade, sondern zweite Lebenswirklichkeit." Kritik richtete er an die Polizei.Warum der Täter nicht schon 1996 ermittelt worden sei? Nach der Vergewaltigung einer Elfjährigen habe damals eine detaillierte Täterbeschreibung vorgelegen."Muß es erst eine Tötung sein, damit der große Polizei-Apparat angeworfen wird?"

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