Welt : Haute-Couture: Eleganz oder Comic

An ihm scheiden sich seit langem die Geister. John Galliano, Designer bei Dior, schwelgt in Phantasie. Hat er es jetzt zu weit getrieben? "Galliano hat aus Dior einen Comic Strip gemacht", schrieb die renommierte Modeexpertin der "Herald Tribune", Suzy Menkes. Seine Kollektion "war bestimmt nicht die Zukunft der Haute Couture". Der Engländer zeigte Korsetts und Lederminis, zu Motorradjacken trugen die Models Indianerkopfschmuck. Kontrastprogramm bei Chanel: Dort präsentierte Karl Lagerfeld seine Version der eleganten Frau von heute.

Bei Dior gab es Korsetts und Bustiers in allen Variationen zu sehen. Dazu kombinierte Galliano Lederjacken mit Nagelapplikationen und weite Capes. Stretch-Minikleider wurden von Models mit Brille vorgeführt - einer Comics und Karikaturen nachempfundenen Darstellung der dummen, aber gut aussehenden Sekretärin.

Will Galliano Sekretärinnen beleidigen? Bei anderen Kreationen seiner Frühjahr/Sommerkollektion orientierte er sich an Höhlenmenschen. Er zeigte handbemalte Mäntel aus Leder und viel Pelz. Als Accessoires trugen die Models Plastikschilde. Bei so gut wie allen Modellen war schwer vorstellbar, wer sie bei welcher Gelegenheit tragen könnte. Dior gehört zum Luxuskonzern LVMH, und dort hat Galliano offenbar vor allem die Aufgabe, fürs auffällige Image zu sorgen. LVMH-Chef Bernard Arnault wird nicht müde, seinen Designer zu loben, und hat noch nie eines seiner Defilees versäumt.

Bei Chanel überwog das Weibliche. Lagerfeld zeigte Kleider im Schuluniform-Look und Rüschenröcke. Für den Sommer bevorzugt er gedeckte Farben wie Rosa, Zartlila oder Grau - und natürlich Schwarz-Weiß. Seine Röcke und Kleider enden am Knie - Mini ist out. Der traditionelle Faltenrock dagegen kommt wieder. Lagerfeld - und das ist ungewöhnlich bei Abendmode - kombiniert zu den Kleidern oft Ballerinaschuhe ohne Absatz. Das erweckt den Eindruck von Sportlichkeit und wirkt trotzdem elegant.

Ein abgesagtes Defilee stiehlt allen die Show. Während die Pariser Haute-Couture-Häuser ihre Kollektionen vorstellen, beschäftigt die Beobachter vor Ort vor allem eine Frage: Was ist los bei Givenchy? Das Haus hatte kurzfristig seine Präsentation streichen lassen. Offizielle Begründung: Die Hälfte der Kollektion sei nicht rechtzeitig fertig geworden. Dann folgte die halbe Kehrtwende. Givenchy zeigte doch. Aber nur für Kundinnen. Die Presse blieb draußen. Wer etwas sehen durfte, schwärmte hinterher von den Hosenanzügen mit drapierten Rückenpartien, der Lederverarbeitung, den Blumenstickereien und dem Federbesatz. Es war die letzte Haute-Couture-Kollektion des englischen Designers Alexander McQueen für Givenchy. Er wechselt im Herbst zur italienischen Gucci-Gruppe.

Hinter dem Wechsel könnte der Grund für die Absage liegen. Der Kampf um die Mehrheit an dem Modejuwel Gucci hatte zur Dauerfehde geführt zwischen den beiden französischen Luxusgiganten LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton, zu dem auch Givenchy gehört, und Pinault Printemps Redoute (PPR). PPR gewann und schnappte dem Konkurrenten nun auch noch einen der Topdesigner weg. Gerüchte besagen, dass McQueen schon im Januar 2002 auf die Pariser Laufstege zurückkehrt - mit einer eigenen, unter dem Dach von Gucci produzierten Haute-Couture-Linie.

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