Welt : Havarie im Ärmelkanal: Versunken im aufgewühlten Wellenmeer

Hendrik Bebber

Nach den schweren Herbstorkanen, die Chaos und Zerstörung über England und Frankreich brachten, droht jetzt eine Umweltkatastrophe. Der mit 6000 Tonnen giftiger Chemikalien beladene italienische Tanker "Ievoli Sun" sank am Dienstag nördlich der britischen Kanalinsel Alderney. Über die Auswirkungen des Unglücks gibt es unterschiedliche Darstellungen. Während französische Experten eine Umweltkatastrophe befürchten, erklärte Greenpeace, die Ladung verursache keine langfristigen Schäden.

EU-Verkehrskommissarin Loyola De Palacio hat verschärfte Sicherheitsbestimmungen für den Seeverkehr angemahnt. An die europäischen Regierungen richtete sie den eindringlichen Appell, endlich die seit langem auf dem Tisch liegenden Vorschläge der Kommission anzunehmen.

War der schlechte Zustand bekannt?

Das elf Jahre alte Schiff war am Montagmorgen in einem Sturm leck geschlagen. In einem Wettlauf gegen die Zeit hatte zunächst ein Hochseeschlepper stundenlang versucht, den Havaristen in einen Hafen zu schleppen. Die Besatzung war am Montag per Helikopter in stürmischer See von Bord geholt worden. Das Schiff war auf einer 50- teiligen Skala mit dem hohen Risikofaktor 35 eingestuft. Schiffe und Flugzeuge suchten nach Anzeichen für ein Austreten von Teilen der Ladung. Bislang wurden jedoch keine Hinweise dafür entdeckt.

Der 108 Meter lange Chemie-Tanker ist laut Greenpeace über einer Unterwasser-Müllhalde gesunken. "Der Tanker sank direkt neben oder genau über dem Casquets-Graben", erklärte Greenpeace. In diesem 160 Meter tiefen Graben seien seit Jahren "radioaktive Fässer und Munition" versenkt worden. Ein Behördensprecher bestätigte diese Möglichkeit. Im gleichen Gebiet hatte ein anderes Schiff 1989 mehrere Fässer mit giftigem Lindan verloren. Die Untergangsstelle liegt nur wenige Kilometer vom Kap La Hague mit seiner atomaren Wiederaufarbeitungsanlage entfernt.

Medienberichten zufolge war für die Kontrolle der "Ievoli Sun" der italienische "Schiffs-TÜV" zuständig, der Registro Italiano Navale (Rina). Gegen diese Gesellschaft ermittelt Frankreichs Justiz bereits im Zusammenhang mit dem Untergang der "Erika". Es ist dieselbe Gesellschaft, die auch den im Dezember 1999 vor der Südküste der Bretagne gesunkenen Öltanker "Erika" kontrollierte. Als die "Erika" auseinander brach und sank, wurden mehrere Hundert Kilometer Küste verseucht.

Die "Ievoli Sun" war von den Ölkonzernen Shell und Exxon Mobil gechartert und in Fawley in Großbritannien beladen worden. Sie sollte ihre Ladung ins südfranzösische Berr bei Marseille bringen. Die Umweltorganisation Agir warf Shell vor, sich über den schadhaften Zustand der "Ievoli Sun" im Klaren gewesen zu sein und deshalb absichtlich die als nachlässig bekannte Rina als Kontrollgesellschaft gewählt zu haben.

Greenpeace forderte, sämtliche von Rina kontrollierten Schiffe müssten mit sofortiger Wirkung aus dem Verkehr gezogen werden. "Es reicht", sagte Greenpeace-Generaldirektor Bruno Rebelle. Andererseits rechnet Greenpeace nicht mit großflächigen Langzeit-Schäden für die Umwelt. "Falls die Fracht austreten sollte, ist ein lokales Fischsterben im Umkreis von einigen Kilometern möglich", sagte Manfred Krautter, Chemieexperte von Greenpeace. Problematisch ist laut Krautter vor allem die Fracht von 4000 Tonnen Phenylethylen, besser bekannt unter dem Namen Styrol. Dieser aus Erdöl gewonnene Grundstoff zur Plastikherstellung sei eine sehr gängige Chemikalie, die sich nur schlecht mit Meerwasser mische. Falls das flüssige Styrol austrete, könne es an der Wasseroberfläche mit der Luft explosionsfähige Gemische bilden. "Es besteht also Gefahr für Bergungsmannschaften", sagte Krautter. Die jeweils 1000 Tonnen Methyl- und Isoprophyl-Alkohol würden sich sehr gut mit dem Meerwasser mischen und schnell verteilen. Es handelt sich dabei um Lösungsmittel. Alle Chemikalien an Bord des Frachters würden sich langfristig abbauen.

Rettung bei 15-Meter-Wellen

Ein dänischer Matrose ist bei der dramatischen Rettungsaktion für den Lübecker Frachter "Faros" in der dänischen Nordsee ertrunken. Das Besatzungsmitglied des Rettungsschiffs "Vestkysten" fiel bei dem Einsatz über Bord und war bei seiner Bergung tot. Als kritisch bezeichneten die Behörden außerdem den Zustand des Kapitäns der "Faros". Er war wie die anderen sechs Besatzungsmitglieder ins Meer gesprungen, hatte aber als einziger keinen wärmenden Rettungsanzug an und wurde mit starker Unterkühlung ins Krankenhaus von Esbjerg gebracht. Die 1978 gebaute "Faros" mit einer Größe von 2038 BRT hatte Holz geladen. Als wahrscheinliche Ursache für die Havarie nannten die Behörden, dass die Ladung sich durch den Sturm verschoben habe. Die Besatzungsmitglieder waren in der Nacht bei zwölf bis 15 Meter hohen Wellen, völliger Dunkelheit und orkanartigem Sturm ins Meer gesprungen und mussten aus eigener Kraft auf eine Rettungsinsel klettern, ehe sie von Hubschraubern geborgen werden konnten. Drei der Männer fielen während dieser Aktion erneut ins Wasser, erreichten aber zuletzt dennoch die Helikopter.

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