Havarie in Italien : Reinigungsmittel belasten das Wasser vor Giglio

Ab Samstag soll alles Öl aus dem Kreuzfahrtschiff gepumpt werden. Aber schon jetzt verschmutz Müll das sonst kristallklare Wasser. Mittlerweile sind drei deutsche Opfer identifiziert worden.

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Wie ihr eigenes Denkmal liegt die „Costa Concordia“ vor Giglio im Abendlicht.
Wie ihr eigenes Denkmal liegt die „Costa Concordia“ vor Giglio im Abendlicht.Foto: reuters

Die Arbeit der Taucher im halb versunkenen Wrack der „Costa Concordia“ wird von Tag zu Tag schwieriger. Einsatzkräfte und der Chef des italienischen Zivilschutzes, Franco Gabrielli, sagten am Mittwoch auf der Insel Giglio, zunehmender Schmutz, schwimmende Müllhaufen und die Fäulnis organischer Materialien setzten nicht nur die Sicht unter Wasser auf praktisch null herab; sie könnten auch die Gesundheit der Höhlentaucher gefährden. „Das ist so, wie wenn Sie aus dem Urlaub zurückkommen und feststellen, dass Ihr Kühlschrank wochenlang keinen Strom hatte.“ Und das bei einem Schiff, das alles an Bord gehabt habe, „was die Bewohner einer 4500-Einwohner-Stadt zum Leben brauchen“.

Derweil bestätigte das Auswärtige Amt in Berlin am späten Mittwochabend, dass man mittlerweile drei Leichen als deutschen Staatsbürger identifiziert habe. Zur genauen Herkunft der Opfer wollte eine Amtssprecherin keine Angaben machen. Weitere neun Staatsangehörige würden noch vermisst, sagte sie. Bislang ist der Tod von 16 Menschen bei dem Unglück bestätigt. 17 gelten offiziell als vermisst.

Zu den Bergungsarbeiten sagte Krisenmanager Gabrielli, effektiv stünden jedem Feuerwehrmann pro Tauchgang nur 15 Minuten Zeit für die Erkundung zur Verfügung. Die italienische Marine sprengte weitere Löcher in den Rumpf der Concordia, um Zugänge zu erleichtern und zu verkürzen. Gleichzeitig werden Möglichkeiten gesucht, den Müll aus dem Schiff zu bergen und auf dem Festland zwischenzulagern.

Zugleich verschmutzen Reinigungs- und Lösungsmittel von der „Costa Concordia“ das Meer. Im Wrack vermuten die Fachleute „Hunderte Kilo“ von Putzmitteln, Farben, aber auch Speiseöl, sagte Gabrielli. Ein 200 mal 300 Meter breiter Fleck war bereits am Dienstag entdeckt worden. Inzwischen wurde er von der toskanischen Umweltschutzbehörde untersucht; demnach soll das sonst kristallklare Meer vor der Insel Giglio inzwischen Schmutzwerte wie an den Küsten von Industriegebieten aufweisen. Mit dem Abpumpen des Schweröls will die niederländische Spezialfirma Smit am Samstag beginnen. Die US-Rating-Agentur Moody’s beziffert unterdessen den durch die Havarie entstandenen Versicherungsschaden auf 770 Millionen Euro.

Furore machten in Italien einige frisch veröffentlichte Aussagen des Kapitäns, Francesco Schettino. Beschuldigt, sein Schiff weit vor den letzten Passagieren verlassen zu haben, hatte er den Staatsanwälten zunächst erklärt, er sei ohne sein Zutun in ein Rettungsboot gestürzt. Einem Freund aber erzählte er noch nach seiner Verhaftung in einem abgehörten Telefonat: „Als sich das Schiff anfing zu neigen, habe ich meine Sachen gepackt und bin ausgestiegen.“

Im Internet sind inzwischen 150 Seiten Protokoll über das Verhör nachzulesen, das die Staatsanwaltschaft vier Tage nach dem Unglück mit Schettino führte. Er beharrt vor der Richterin vor allem darauf, dass seine wiederholten „Verbeugungen“, also die Annäherungen ans Festland, auf Druck der Reederei erfolgt seien – „der Werbung wegen“.

In dem Telefonat erzählte er dem Freund, das Management sei ihm ständig „auf die Nerven gegangen: Fahr, fahr da lang, fahr da lang“. Auf den Einwand der Juristen, der touristische Sinn des Manövers erschließe sich nicht, räumt Schettino aber eine Art Wettbewerb mit einem Kapitänskollegen ein. Der habe diese Manöver vor Giglio gemacht und er habe versprochen, es ihm gleichzutun. Der Chef der Reederei, Pierluigi Foschi, erklärte am Mittwoch in einer Anhörung vor der zweiten Parlamentskammer in Rom, Annäherungen ans Festland seien zwar nicht grundsätzlich verboten. Das Manöver vor Giglio sei aber ohne Erlaubnis des Unternehmens geschehen.

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