Welt : Heftige Vorwürfe wegen der Ölpest auf Amrum und Föhr

ULLRICH MEISSNER

AMRUM .Jede Nordseewelle wirft an die Strände der Nordseeinseln Amrum und Föhr schwarze, klebrige und stinkende Schwerölplacken.Ungezählte freiwillige Helfer und die Feuerwehren der Inseln kämpfen mit Schaufeln und Eimern bei schweren Schauerböen gegen das Öl, das aus den Tanks der vor Amrum auf einer Sandbank liegenden "Pallas" quillt.

Mühsam ist das Geschäft, denn das Schweröl ist noch frisch und nicht zu Teerklumpen verfestigt.Eine Todesfalle für alle Tiere, die mit ihm in Berührung kommen.Immer mehr Meeresvögel mit ölverklebten Gefieder treiben an die Küsten.Bis gestern abend wurden 1500 gezählt.Eine Reinigung der Tiere ist sehr aufwendig und meistens vergeblich.Die Vögel haben beim vergeblichen Versuch, ihr Gefieder zu putzen, schon so viel Öl aufgenommen, daß sie an einer Vergiftung sterben.Das Nationalparkamt gab daher die Anweisung, Ölvögel fachgerecht und schnell von ihren Qualen zu erlösen.

Umweltschützer und Behördensprecher reden von einer lokalen Katastrophe, warnen aber vor Übertreibungen."Es ist nicht so, daß das ganze Wattenmeer umkippt", Hans von Wecheln, Sprecher der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste auf Amrum.Für die betroffenen Inseln aber sei der Schaden groß.Amrum ist fast ganz von Ölschlick umgeben, viele Strände der Insel Föhr sind verschmutzt und auch Langeness, Japsand und Hallig Hooge sind, wenn auch erheblich weniger, betroffen.

Das Unglück betrifft ein altes Urlaubgebiet, in dem Berliner traditionell einen sehr hohen Anteil der Gäste stellen."Für den Fremdenverkehr ist das eine schlimme Negativwerbung", sagt von Wecheln.Ein Leser, der seit 20 Jahren mit seiner Familie auf Amrum seine Ferien verbringt, sagte gestern, er werde sich wegen des Unglücks aber nicht in seinen Plänen beirren lassen und weiter dorthin fahren.

Naturschützer erheben heftige Vorwürfe, die von Behördensprechern hinter vorgehaltener Hand geteilt, aber gegenüber der Presse in diplomatische Worte gefaßt werden."Wir erheben keine Vorwürfe", sagt von Wecheln."Wir wünschen Aufklärung, warum es die Mehrzweckschiffe nicht geschafft haben, den Frachter zu bergen."

Hinter dieser harmlos scheinenden Formulierung verbirgt sich Sprengstoff.Deutschland verfügt nur über einen einzigen Hochseeschlepper, die "Ozeanic".Diese war während des "Pallas"-Unglücks gerade mit einem anderen Fall auf der Elbe unterwegs und konnte deshalb nicht eingesetzt werden.Stattdessen wurden die beiden "Mehrzweckschiffe" eingesetzt, über die die Bundesrepublik verfügt und die auch in solchen Fällen tätig werden können.Diese waren aber nicht in der Lage, den Frachter freizuschleppen.

Der Fall zeigt nicht nur, daß die Bundesrepublik mit der "Ozeanic" zuwenig Kapazität an Hochseeschleppern hat.Die alte Bundesregierung wollte die "Ozeanic" schon seit geraumer Zeit stillegen mit dem Argument, die "Mehrzweckschiffe" seien ausreichend.Diese haben jetzt versagt.Der alte Verkehrsminister Wissmann hatte der "Ozeanic" eine letzte Gnadenfrist bis Ende dieses Monats gegeben.Die neue Regierung sollte dann neu entscheiden.Von Wecheln schickte einen Brandbrief an den neuen Verkehrsminister Müntefehring, mit der Bitte, die "Ozeanic" weiterzubetreiben.Den Brief warf er am Morgen des 25.Oktober ein.In der darauffolgenden Nacht havarierte die "Pallas".Der Brief hatte Erfolg: die "Ozeanic" macht bis auf weiteres weiter.

Für das derzeitige Unglück nützt sie nichts mehr.Derzeit wird mit den Niederländern über den Einsatz einer Hubplattform verhandelt, die den Frachter bergen soll.Das dauert noch Tage.Bis der Frachter geborgen ist, vergehen in jedem Fall mehrere Wochen."Bis dahin ist alles Öl ausgelaufen", sagt von Wecheln.Die Inseln könnten noch von Glück reden.Bei dem Öl handelt es sich um Brennstoffe, um den Frachter anzutreiben."Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ein richtiger Öltanker havariert wäre", sagt von Wecheln.

Bedroht vom Öl der "Pallas" sind auch die Kegelrobben und Seehunde im Wattenmeer.Nur wenige Kilometer vom Strandungsort des italienischen Holzfrachters liegt der Wurfplatz der einzigen Kegelrobbenkolonie im Wattenmeer.Anders als die Seehunde, werfen die Kegelrobben im Winter ihre Jungen.Am Wochenende wurde das erste Baby auf einer Sandbank gefunden.Sollte der Wind drehen, ist auch der Wurfplatz der seltenen Robben bedroht.

Mehrfach täglich überfliegt das Ölüberwachungsflugzeug der Bundeswehr, eine mit zahlreichen Sensoren ausgerüstete Do 228, das Wattenmeer, um die Spur des "Pallas"-Öls genau zu verfolgen.Während am Wochenende die Treibstofftanks der "Pallas" in Flammen standen, war das Ölfeuer gestern erloschen.Aus den Ladeluken fünf und sechs stieg gestern nur noch weißer Rauch, ein Hinweis darauf, daß nur noch die Holzladung brennt.Sorge bereitet den Bergungskräften der zunehmende Westwind.Durch den permanenten Druck der anbrandenden Wellen kann die "Pallas" noch stärker beschädigt werden oder gar auseinanderbrechen.

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