Heidi Klum und Co. : Terror der Figur

Experten kritisieren prominente Mütter, die sich kurz nach einer Geburt gertenschlank präsentieren. Normale Mütter würden dadurch unter Druck gesetzt. Im Gegensatz zu den Promis haben sie keine Super-Nannys und Personal-Trainer.

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Heidi Klum, nach der Geburt bei der Victoria’s Secret Fashion Show.
Heidi Klum, nach der Geburt bei der Victoria’s Secret Fashion Show.Foto: AFP

Unter dem engen Kleid zeichnet sich der flache Bauch ab, der Ausschnitt ist so tief geschnitten, dass kein BH darunter zu passen scheint, so verführerisch und schlank steht Lilly Becker auf dem roten Teppich zur Verleihung des Laureus-Awards in Abu Dhabi – gerade vier Wochen nach der Geburt ihres Sohnes. Sie begleitet ihren Mann Boris auf die weite Reise und reist gleich ein paar Tage später mit ihm weiter nach Bahrain zum Formel-1-Auftakt, wieder zeigt sich Lilly sexy, dieses Mal im Overall. Auftritte, denen Sandy MeyerWölden in Nichts nachstehen. Auch sie tritt keine sechs Wochen nach der Geburt der gemeinsamen Tochter mit Oliver Pocher wieder ins Rampenlicht, in knallengen schwarzen Hosen und einem Gürtel, der die schmale Taille betont, zeigt sie sich beim Musikpreis „Echo“ in Berlin.

Fast scheint es, als wollten sich beide Frauen einen Wettbewerb darum liefern, wer nach der Geburt schneller die Schwangerschaftspfunde verliert und wieder strahlend schön im Scheinwerferlicht erscheint. Schließlich ist Sandy Meyer-Wölden die Ex-Verlobte von Boris Becker und Lilly die Frau, mit der Boris bemerkenswert schnell wieder zusammen war.

Doch Patricia Riekel, „Bunte“-Chefredakteurin, winkt ab. Zwar würden sich beide Damen vermutlich interessiert in den bunten Blättern betrachten, jedoch keinen Wettkampf liefern. Allein aus Eigennutz würden sie sich so schnell wie möglich wieder topfit zeigen wollen. „Denn ihr Körper ist ihr Kapital. Und da sie als Prominente ständig im Blitzlicht stehen, achten sie automatisch mehr auf sich“, sagt Riekel. Während solche Auftritte von Promi-Müttern für People-Magazine wie die „Bunte“ gute Geschichten sind, können sie für „normale“ Mütter eine fatale Wirkung haben: „Die PromiMütter vermitteln oft den Eindruck, ihr Kind mal eben nebenbei zu bekommen und dann weitermachen zu können, wie zuvor. Dadurch fühlen sich normale Mütter unter Druck gesetzt, eben so schnell wieder schlank, fit und leistungsbereit zu sein“, sagt Edith Wolber vom Deutschen Hebammen Verband.

Dabei gehe der Druck nicht unbedingt von der Öffentlichkeit aus, sondern die Mütter würden ihn sich selbst machen. Doch im Gegensatz zu den Promis haben sie keine Super-Nannys, Personal-Trainer und Ernährungsberater Zuhause, die ihr das Kind abnehmen können und ihr beim Abtrainieren der Schwangerschaftspfunde helfen. Und selbst wenn: „Es kommt einer Vergewaltigung des eigenen Körpers gleich, sich innerhalb von drei Wochen eine neunmonatige Schwangerschaft runterhungern zu wollen“, sagt Wolber. Auch das Magazin „Eltern“ stellte fest, dass Frauen, die gerade Mutter geworden sind, unter größerem Druck als früher stehen. In einer Umfrage unter 800 Frauen antworteten 60 Prozent, dass es ihnen „sehr wichtig“ oder „wichtig“ sei, nach der Geburt schnell wieder zur alten Figur zurückzukommen. Auf der Website des Magazins würde in Foren viel darüber diskutiert, welche Diäten während der Stillzeit funktionieren und welcher Sport Frauen empfehlenswert ist, sagt „Eltern“-Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki: „In dieser Heftigkeit wird über diese Themen erst seit wenigen Jahren diskutiert. Das ist ein Riesenthema geworden.“ Befeuert durch Promis wie Heidi Klum, die sechs Wochen nach der Geburt ihres vierten Kindes im vergangenen Herbst wieder für Dessous-Hersteller Victoria's Secret über den Laufsteg schritt oder Frankreich Ex-Justizministerin Rachida Dati, die fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter vor knapp einem Jahr wieder ihren Dienst antrat. „Aber solche Frauen dürfen keinen Vorbildcharakter haben, denn sie bewegen sich in Lebenswelten, wo oft alles rund um die Kinderbetreuung outgesourct wird“, sagt Lewicki.

In Deutschland sei der Druck auch durch die Einführung des Elterngeldes gewachsen, das für 14 Monate gezahlt wird. „In dem Moment, in dem die staatliche Leistung wegfällt, haben die Frauen das Gefühl, wieder zurück in ihr altes Leben kehren zu müssen. Dabei gewährt der Staat eine Elternzeit für drei Jahre“, sagt Lewicki. Heute sei das Ziel nicht mehr Mutter zu sein, sondern eine „Frau mit Kind“, eigenständig, selbstsicher, nicht gestresst, eben so wie die Promi-Mütter.

Edith Wolber plädiert deshalb dafür, dass sich die Mütter gerade in den ersten Wochen nach der Geburt eine Auszeit für sich und ihr Kind gönnen. „Denn sie werden ja nicht einfach Mutter, in dem sie ein Kind zur Welt bringen, sondern brauchen Zeit, um in diese Rolle hinein zu wachsen“, sagt sie. Die Frauen sollten sich deshalb nicht mit den Promi-Müttern vergleichen, sondern auf ihren eigenen Rhythmus vertrauen.

Dass Lilly Becker nicht nur sich inszeniert, sondern ihren Sohn bereits 17 Tage nach Geburt für die „Bunte“ ablichten lässt, ist ein gut durchdachter Schachzug – nicht nur wegen des Honorars, das die Becker-Familie laut „Bunte“ gespendet haben soll. Die Beckers „befriedigen das öffentliche Interesse an ihrem Nachwuchs. So wie Menschen gerne bei Freunden oder Nachbarn in den Kinderwagen gucken wollen, sind sie erst Recht neugierig auf den Nachwuchs von Deutschland Tennis-Legende“, sagt Riekel. Und gleichzeitig würden sie den Paparazzi das Spiel verderben, deren Bilder durch die offiziellen Fotos an Wert verlieren. Dadurch haben die Beckers mehr Ruhe – und Lilly Becker mehr Zeit zum Stylen.

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