• Heimgesucht von allen Plagen Afrikas - in den Flüchtlingslagern breiten sich Epidemien aus

Welt : Heimgesucht von allen Plagen Afrikas - in den Flüchtlingslagern breiten sich Epidemien aus

Wolfgang Drechsler

Amalia Vacuso ist 24 und fast genauso alt wie ihr 1975 unabhängig gewordenes Heimatland Mosambik. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie, ihr Mann und die beiden kleinen Söhne das Jahresende gemeinsam erleben werden, ist eher gering. Die Kinder sind beide schwer an Malaria erkrankt und ebenso wie die Mutter nur noch ein Bündel aus Haut und Knochen.

Dennoch klammert sich die Familie an jedes Fünkchen Hoffnung - wie auch das übrige Mosambik. Nachdem der südostafrikanische Küstenstaat bereits von allen Plagen Afrikas heimgesucht wurde - Bürgerkrieg, Hunger, Seuchen, Dürre und korrupte Führer - ist er nun auch noch von Fluten biblischen Ausmaßes verwüstet worden. Allein die Rettungsflüge der südafrikanischen Armee - und seit Wochenbeginn auch der amerikanischen und europäischen Helfer - haben verhindert, dass Zehntausende verhungert oder verdurstet sind.

Wie viele ihrer Landsleute wurde auch Amalia Vacuso nach fünf Nächten ohne Nahrung aus den Wipfeln eines Baumes geborgen, auf dem sie mit 15 anderen Menschen vor den Wassermassen geflüchtet war. "Die Fluten kamen furchtbar schnell. Wir hatten keine Zeit, unsere Habe in Sicherheit zu bringen", erzählt sie sichtlich bekümmert. Barfüßig und das jüngste Baby auf den Rücken geschnallt, gehört sie dennoch zu den glücklicheren Überlebenden der Naturkatastrophe, die bislang vermutlich Tausenden das Leben gekostet hat.

Amalia erzählt davon, wie sich ihre Retter, zwei breitschultrige Buren, an einer langen Winde in die Baumkrone hinabgelassen und die Familie in den Hubschrauber gezogen hätten. Als einer der beiden Jungen dabei aus den Armen seines angegurteten Retters fiel, löste dieser kurzerhand den Sicherheitshaken und sprang dem bereits im Wasser versunkenen Kind hinterher. Beide konnten wenig später sicher aus den braunen Fluten in den Helikopter zurückgehievt werden.

Vom Hubschrauber wurden Amalia und ihre Familie auf dem grasbewachsenen Flugfeld von Chibuto ausgespuckt - einem auf einer Anhöhe gelegenen Ort, der rundum von schlammigem Wasser umgeben und zu einer Insel geworden ist. Von hier trotteten sie in ein gleich neben einer alten Schule gelegenes Auffanglager: Viele der entwurzelten Menschen sitzen dort teilnahmslos unter einem Cashewbaum und warten auf die tägliche Portion Maisbrei - und ihre Rückkehr nach Hause. Gelegentlich brechen zwischen den Lagerinsassen Faustkämpfe um ein von den Helfern verteiltes Nahrungsmittelpaket aus. Die Stimmung ist gereizt.

Die Naturkatastrophe erträgt Amalia mit geradezu stoischer Gelassenheit. In der wechselvollen Geschichte ihres Landes hat sie schon viel Leid erfahren: Als sie 1975 geboren wurde, ging gerade die fast 500 Jahre währende Kolonialherrschaft der Portugiesen zu Ende. Die Macht ergriff damals die von Moskau unterstützte Widerstandsbewegung Frelimo. In Rekordzeit schuf sie ein marxistisch-lenistisches System und verstaatlichte von der Bank bis zum Frieseursalon sämtliche Unternehmen. Fast alle Bauern wurden in Kolchosen gezwungen.

Kurz darauf begann der Zerfall des Landes: Beschleunigt wurde dieser Prozess noch durch grauenvolle Gewalttaten, die die von Südafrika finanzierten Renamo-Rebellen an der Zivilbevölkerung verübten. Offenbar wollten die Killer die Frelimo-Regierung mit den Massakern dazu zwingen, sie an der Macht zu beteiligen. Um sich Essen zu verschaffen, besetzten sie zahlreiche Dörfer und versklavten die dort ansässigen Menschen. Amalias Vater und zwei ihrer Brüder wurden von den Rebellen getötet, weil sie sich dagegen wehrten.

Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs zum Ende der achtziger Jahre wurde Mosambik dann auch von einer furchtbaren Dürre erfasst: Im ersten Jahr führte der Fluss nur noch wenig Wasser, im nächsten wurde er zum Rinnsal, dann versiegte er völlig. Das Getreide verdorrte auf den Feldern. Zwar säte Amalia von neuem - doch ohne Erfolg. Die Renamo-Kämpfer aßen die verbliebenen Samen; die Bauern suchten im trockenen Boden nach wilden Früchten und Schoten.

Heute ist die Lage noch schlimmer: Viele haben alles verloren. Die Flüchtlingslager bieten ein Bild des Elends. Fast 3000 Menschen liegen in Chibuto teilnahmslos auf ihren Strohmatten und starren vor sich hin. Überall wütet die Malaria: Viele Flüchtlinge berichten von Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost oder Fieberschüben - den typischen Anzeichen der Tropenkrankheit. Miguel Sullivan, der in Mosambik für ein christliches Hilfswerk arbeitet, hat Stichproben gemacht: Von den 100 im Camp untersuchten Patienten litten 95 an Malaria. Außerdem hat neuer Regen eingesetzt. "Auf uns wartet bereits die nächste Katastrophe", sagt Sullivan leise.

Lindsey Davies vom Welternährungsprogramm verteilt derweil unter den Kindern, die bei ihrer Rettung von den Eltern getrennt wurden, energiespendende Kekse. Für viele ist es die erste Mahlzeit in mehr als einer Woche. "Die Lager sind Brutstätten für Cholera, Malaria und eine Reihe anderer Krankheiten", sagte sie. "Zudem müssen die Kinder im Freien schlafen, wodurch sie für Moskitos eine leichte Beute sind."

Davies sagt, dass es in Mosambik derzeit vor allem an Benzin mangele. Deshalb könne auch kein Wasser aus dem nahe gelegenen Ort ins ständig wachsende Camp gepumpt werden. Bislang sind nur einige Zelte aufgeschlagen worden. Gleich nebenan stehen die Ruinen eines Hauses, das früher einmal als Anwerbebüro für mosambikanische Männer diente, die auf Südafrikas Goldminen arbeiten wollten.

Amalia und eines ihrer Kinder werden fast zertrampelt, als die Menge plötzlich zu den Feuern hinüberstürzt, auf denen Frauen in den letzten Stunden einige Kessel Maisbrei gekocht haben. Jedes Mal, wenn ein Helfer erscheint, recken sich Tausende von Händen nach einem Stück Seife, einem verschrumpelten T-Shirt oder einem Plastikcontainer mit frischem Wasser - die einzigen Hilfsgüter, die hier bislang eingetroffen sind.

Doch nicht alles ist so hoffnungslos wie es in den Camps bisweilen den Anschein hat: Die südafrikanischen Piloten, die die Lage besonders gut beurteilen können, sind jedenfalls davon überzeugt, dass die Todeszahl am Ende niedriger sein wird, als zurzeit befürchtet wird. In einigen Gebieten normalisiere sich die Lage zusehends, heißt es. Die Wasser fallen, die ersten Menschen kehren in ihre Behausungen zurück. "Viele scheinen neuen Mut zu schöpfen", meint ein Helfer.

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