Welt : Heimweh nach der heilen Welt

Heino wird nächsten Samstag 65. Ein schwerer Schicksalsschlag in der Familie trübt die Idylle, von der er singt

Andreas Grosse

Es ist eine traurige Geschichte, die die Boulevardmedien da seit einer Woche erzählen. Sie handelt vom Tod, von der Trauer der Lebenden und vom öffentlichen Bild einer berühmten Familie. In der Logik des Boulevards ist es ein perfektes Drama, das sich in immer neuen Akten weiterspinnen lässt, Tag für Tag. Schon weil sich an ihm so beispielhaft der vorgebliche Widerspruch von öffentlichem Schein und privatem Sein exerzieren lässt: Die Tochter eines der prominentesten Deutschen hat sich in der Nacht zum letzten Sonntag das Leben genommen – just in der Nacht vor dem Tag, da in der „Bild am Sonntag“ ein Interview mit ihrem Vater erschien, in dem er die Krankengeschichten der Tochter wie ihres Bruders öffentlich machte. Da beginnt die mediale Inszenierung einer Familientragödie um Schuld und Sühne, in der immer wieder das Wort „ausgerechnet“ vorkommt. Ausgerechnet Heino. Ausgerechnet eine Woche vor seinem 65. Geburtstag.

Auf der offiziellen Website des Sängers ist von alldem nichts zu lesen. Dort steht die schier unglaubliche Erfolgsgeschichte eines Mannes geschrieben, den heute 98 Prozent der Deutschen kennen und den sie eben erst in der denkwürdigen ZDF-Show „Unsere Besten“ auf Platz 47 gewählt haben, einen Platz vor Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Auf „Heino.de“ aber ist die Welt noch in Ordnung, so wie in den Liedern des Sängers, die vom blauen Blühen des Enzians und der schwarzbraunen Farbe der Haselnuss handeln. Zwar umweht die Biografie des einstigen Bäckergesellen Heinz-Georg Kramm aus Düsseldorf von Beginn an eine gewisse Tragik. Aber es ist eine so typische für seine Generation, dass sie ihn zum idealen Deutschen macht: 1941, der Junge ist nicht mal drei Jahre alt, stirbt der Vater im Krieg, Mutter und Sohn durchleben den Krieg fern der Heimatstadt Düsseldorf in Pommern, bevor sie 1945 zurückkehren. Beim ersten Bühnenauftritt Mitte der fünfziger Jahre, Heino hat kurz nach dem Ende seiner Lehrzeit den Bäckerberuf zu Gunsten der Musik aufgegeben, singt er zusammen mit zwei Freunden Freddy Quinns „Heimweh“. Schon da, ganz am Anfang, ist Heino der deutscheste aller Sänger.

Der große Durchbruch aber kommt erst in den späten Sechzigern, im Rückblick erscheint der Zeitpunkt alles andere als zufällig: Heino, zugleich Schlager- und Volkssänger, wird zum Heroen einer Antimoderne, die angesichts der Studentenproteste und all der sie begleitenden revolutionären Ideen von Emanzipation, freier Liebe und Drogenlegalisierung gleichsam stündlich den Untergang des Abendlandes erwartet. In Heinos Liedgut findet die schweigende Mehrheit ihren ideellen Fluchtpunkt in einer vorindustriellen Welt: Hier herrscht noch die Natur, die Luft ist rein, die Menschen sind gut zueinander, und immerzu ruft der Berg – „Kein schöner Land“ heißt Heinos erstes Album. Lange bevor das Fernsehen und die Plattenfirmen solcherlei Therapie der Volksseele industriell zu betreiben begannen, indem sie immer mehr lustige Musikanten in Jankerl und Dirndl steckten und mit immer fadenscheinigeren Heile-Welt-Biografien ausstatteten, war Heino der erste Botschafter dieses Deutschlands. Entsprechend angefeindet wurde er von der Kulturkritik: Man rückte ihn wegen seiner Liedtexte politisch an den rechten Rand, wo Heino sich nicht unbedingt selbst sieht. Den Spott, den ihm sein Wirken wie seine Sonnenbrille eingetragen haben, den hat Heino stets ignoriert. Seit seiner Heirat im Jahr 1979 kontert er diese Häme stattdessen sogar noch mit dem ostentativen Herausstellen eines so idealtypischen wie irreal wirkenden Familienklischees: Heino und Hannelore wurden das Traumpaar der Volksmusik. Zugleich jedoch lernte der späte Heino, dass ein wenig Selbstironie karriereerhaltend wirken kann – eine technoide Rapversion von „Blau blüht der Enzian“ machte ihn dann sogar für das ironische Schlager-Revival der 90er kompatibel. Von alldem aber wird nun wenig zu lesen, zu sehen und zu hören sein, wenn Heino am Samstag seinen 65. Geburtstag feiern wird - ohne die ARD im Übrigen, deren geplante Geburtstagssendung der Sänger absagen ließ. Stattdessen wird vor allem vom Tod seiner 34-jährigen Tochter – die sich wie ihre Mutter, die 1988 starb, das Leben nahm – die Rede sein. Und davon, dass das schönste öffentlich zelebrierte Familienidyll auf Dauer nicht die auch in den erfolgreichsten Biografien vorkommenden Schattenseiten des Lebens verdecken kann: dass es da nämlich eine andere, zerstörte Familie gab, die ohne den Vater auskommen musste. Eine Familie, von der Mutter und Tochter nun tot sind.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ hat in ihrer Beilage „Folio“ verraten, mit welchem Klingelton Heinos Handy ertönt: dem Ave Maria von Bach.

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