Heirat : Andere Herkunft, neue Sitten

Türkischstämmige heiraten später – dann aus Liebe. Während sich die Heiratsvorstellungen vieler türkischstämmiger Deutscher denen der deutschen Gesellschaft nach und nach annähern, scheint es noch Vorbehalte in der türkischen Community zu geben.

Mehmet Ata
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie sind nicht mehr ganz jung, türkisch und genießen ihr Single-Leben. In Köln, Frankfurt am Main, Hamburg und anderen deutschen Großstädten feiern Deutsch-Türken auf türkischen Ü-30-Partys. Vor zwei Jahrzehnten wären solche Feten unmöglich gewesen. Denn türkische Migranten mit 30 Jahren waren damals längst verheiratet und hatten in den allermeisten Fällen schon Kinder. Zumindest sagt das die Statistik.

Inzwischen gibt es eine zunehmende Zahl von Spätentschlossenen. „Das durchschnittliche Heiratsalter verschiebt sich nach hinten“, berichtet die Migrationsforscherin Yasemin Karakasoglu aus Bremen. Zwar liegt das Heiratsalter der türkischen Zuwanderer noch immer unter dem der Deutschen, doch so früh wie ihre Eltern heiraten sie schon eine ganze Weile nicht mehr. Trotzdem bleibt die Ehe von hoher Bedeutung. Nur zwei Prozent der türkischen Paare mit Kindern leben unverheiratet zusammen.

Auch die Partnersuche der Türkischstämmigen ist heute anders. Sie wollen sich ihre bessere Hälfte selbst aussuchen, arrangierte Ehen lehnen die meisten von ihnen vehement ab. „Türkischstämmige Migranten wünschen sich eine Liebesheirat“, sagt die 44-jährige Karakasoglu. „Früher sind Türken davon ausgegangen, dass sich die Liebe in der Ehe entwickelt. Heute ist für die allermeisten die Liebe Voraussetzung für eine Heirat.“ Deshalb suchen Migranten lieber auf Partys, in Internetforen und im Freundeskreis nach Partnern, statt sich von Verwandten Vorschriften machen zu lassen, wie es die Tradition lange vorsah.

Auch in der Türkei ändern sich die Ehewünsche mittlerweile. „In den großen und mittelgroßen Städten der Türkei entwickeln sich ähnliche Partnerschaftsvorstellungen wie in Deutschland“, erklärt Yasemin Karakasoglu. Wie die Heiratsvorstellungen in der Türkei die Migranten in Deutschland beeinflussen, lässt sich aber nicht genau sagen.

Türkische Ü-30-Partys erfreuen sich auch deshalb einer wachsenden Fangemeinde, weil die Besucher dort Partner mit gleicher Herkunft finden können. Die Forschung zeigt: Türkischstämmige heiraten auch in der zweiten Generation oft unter sich. „In Bezug auf das Heiratsverhalten nehmen die Türken eine Art Sonderstellung ein“, erklärt die Mannheimer Sozialwissenschaftlerin Julia Schroedter. Im Gegensatz zu anderen Eingewanderten heiraten sie in hohem Maße „nationalitätsintern“. Über 80 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund suchen sich einen Partner mit gleicher Herkunft, erläutert Schroedter. Männer heiraten häufiger als Frauen einen deutschen Partner, Eingebürgerte häufiger als türkische Staatsangehörige. Doch insgesamt ist der Anteil der binationalen Ehen gering.

Einen Grund für dieses Heiratsverhalten sieht die Wissenschaftlerin Schroedter in der großen Zahl türkischer Migranten. „Sie haben eine große Auswahl, wenn sie innerethnisch heiraten wollen.“ Karakasoglu zählt weitere Gründe auf: „Dass der Partner ähnliche Lebenserfahrungen hat und sich mit den eigenen Eltern verständigen kann, sind wichtige Kriterien bei der Partnersuche.“

Während sich die Heiratsvorstellungen vieler türkischstämmiger Deutscher denen der deutschen Gesellschaft nach und nach annähern, scheint es noch Vorbehalte in der türkischen Community zu geben. Für viele Türken ist der Besuch einer Ü-30-Party noch mit Hemmungen verbunden. „Türken wollen nicht zeigen, dass sie mit über 30 noch Singles sind“, berichtet der Kölner Partyveranstalter Ertan Sayan. „Der Party-Besuch ist eine Art Outing für sie.“

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