Welt : Helden im Zwielicht

Nach Bush stehen nun auch die Politiker im Katastrophengebiet in der Kritik / Kongress bewilligt Soforthilfe

Christoph von Marschall[Washington]

Während Amerika noch mit den Folgen der Zerstörungen durch „Katrina“ kämpft, wird es möglicherweise bereits von einem neuen Hurrikan bedroht. „Ophelia“ wurde am Freitag vom Tropensturm zum Hurrikan hoch- und dann wieder heruntergestuft, befindet sich noch gut 100 Kilometer von der Küste entfernt über dem Atlantik, bewegt sich nur langsam voran und könnte Florida demnächst in der Gegend von Cap Canaveral treffen. In den umliegenden Bezirken wurden Notunterkünfte eingerichtet. „Ophelia“ wäre der siebte Hurrikan in dieser Saison.

Unterdessen geht der politische Streit um die Fehler im Umgang mit „Katrina“ weiter. Die Kritik konzentriert sich längst nicht mehr auf Präsident Bush, sondern erfasst den Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, der erst am Tag vor Eintreffen des Hurrikans die Evakuierung angeordnet hatte, obwohl er hätte wissen müssen, dass für die Räumung 72 Stunden nötig sind. Auch der demokratischen Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, der die Nationalgarde untersteht, wurde zu langes Abwarten vorgehalten – und Abgeordneten und Senatoren beider Parteien Untätigkeit und Widersprüche. Es sei wohlfeil, das bürokratische Vorgehen der Katastrophenschutzbehörde Fema anzuprangern. Der Kongress selbst habe nach den Terroranschlägen vom September 2001 deren Integration in die neue Mammutbehörde für Heimatschutz beschlossen, schreiben mehrere Zeitungen. Die gesamte politische Klasse trage Schuld, dass die letzten Jahre mehr mit Reorganisation als mit Vorsorge vertan wurden.

Der Kongress hat mittlerweile die von Bush beantragten 58 Milliarden Dollar Soforthilfe bewilligt. Der Präsident hat den 16. September als Gedenktag für Gebete ausgerufen – eine seltene Geste, die es zuletzt nach dem Terrorangriff 2001 gab. Bush kündigte an, er werde am Sonntag abermals in die Notstandsgebiete fahren – seine dritte Reise binnen neun Tagen. Er versprach jedem betroffenen Haushalt 2000 Dollar Soforthilfe ohne bürokratische Prüfung.

Bush setzte auch Teile eines Bundesgesetzes außer Kraft, wonach die Empfänger öffentlicher Aufträge ortsübliche Löhne zahlen müssen. Die Neuerung gilt für die Katastrophengebiete in Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida. Die Demokraten forderten, die Anordnung umgehend zurückzunehmen. „Hurrikan ,Katrina‘ hat ihnen ihre Jobs genommen, und jetzt will Präsident Bush ihnen ihre Löhne nehmen, wenn sie neue Jobs finden“, sagte die demokratische Fraktionschefin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi.

Mit einer Pressekonferenz von Harry Thomas, Koordinator der Katastrophenhilfe im Außenministerium, reagierte die Regierung auf Kritik, die Angebote aus aller Welt würden nachlässig behandelt. Alle Hilfe sei willkommen, man habe keine Offerte abgelehnt, nur dauere es mitunter mehrere Tage, festzustellen, wo bestimmte Geräte oder Lieferungen am nützlichsten seien, sagte Thomas. Es habe keinen Sinn, Flugzeuge mit Material losfliegen zu lassen, die dann in Amerika herumständen. Besonders hob er die Hilfe von Ländern wie den Philippinen hervor, die erst kürzlich Tsunamihilfe aus den USA bekommen hatten. Einem zornig insistierenden Iraner versicherte Thomas, auch Teherans Hilfe sei keineswegs abgelehnt worden. Deutschland dankte er besonders für fertige Essensrationen, die man sofort verwendet habe. Komplizierter sei der Einsatz mobiler Telefonanlagen aus Schweden oder Deutschland, da man erst lokalen Bedarf und technische Voraussetzungen prüfen müsse. Einem Bangladescher, der wissen wollte, wofür ganz konkret eine Million Dollar seiner Regierung verwendet worden sei – Fema gibt jeden Tag zwei Milliarden Dollar im Notstandsgebiet aus –, beschied Thomas, „cash“ sei immer am leichtesten zu verwenden, er sei auch dankbar für die Zusage, nur sei die Million noch gar nicht eingetroffen.

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