Welt : Helden-Trio: 400 Kilometer unterm Bus

Christoph Link

Die Monteure in der Werkstatt der Kenya-Bus-Gesellschaft staunten nicht schlecht: Als sie das Fahrgestell eines Überlandbusses inspizierten, krabbelten ihnen drei Gestalten entgegen: Drei Elfjährige waren unter dem Chassis des Busses durch halb Kenia gereist, um die Großmutter eines der Jungen in Nairobi zu besuchen. Völlig verstaubt, mit weißen Haaren und durchscheuerter Kleidung wurden die drei Kinder im kenianischen Fernsehen präsentiert. Einen Tag lang waren sie die Helden der Nation und alle Großmütter des Landes schlossen sie in ihr Herz. Die Jungen waren in der Provinzstadt Kilgoris unbemerkt unter ein offenes Bodenblech des Fernbusses gekrabbelt, um nach Nairobi zu fahren und dort mit der Großmutter Weihnachten zu feiern. "Ich habe meine Oma so sehr vermisst", gab Benson Thiga, der Anführer der blinden Passagiere, bekannt. Er hatte die beiden anderen zu dem Trip überredet. Thigas Großmutter arbeitet als Händlerin auf dem Gikomba-Markt, der kürzlich durch ein Feuer zerstört wurde, jetzt aber wieder aufgebaut wird.

"Die Reise der Jungen war lebensgefährlich", sagt Edwin Mukabannah, der Direktor der Busgesellschaft. Leider komme es immer wieder vor, dass sich blinde Passagiere unter den Fernbussen in den Schutzblechen versteckten oder auf die Achsen krabbelten. Die kenianischen Landstraßen sind vielfach reine Schotterpisten, sie sind voller Schlaglöcher, Steine werden von den Reifen hochgeschleudert.

Für die 400 Kilometer lange Fahrt von Kilgoris in die Hauptstadt brauchte der Bus sechs Stunden. Gegen Mitternacht kam er im Busbahnhof von Nairobi an, doch die Jungen schliefen fest. Erst am nächsten Mittag erwachten sie in der Buswerkstatt. "Die kamen unseren Leuten lachend entgegen", berichtet der Busmanager. Man habe ihnen Kleidung und Essen gegeben und sie von einem Arzt untersuchen lassen.

Mit dem nächsten Bus habe man sie zurückschicken wollten, sagt Mukabannah. Doch Nairobis Polizei war dagegen, nahm das Trio in Gewahrsam und verständigte die Jugendbehörde. Die Großmutter ist nicht so leicht ausfindig zu machen, ein Telefon oder eine Postadresse kann sich in der Zwei-Millionen-Einwohnerstadt Nairobi nur eine Minderheit leisten. "Wir versuchen die Eltern ausfindig zu machen, die sollen ihre Kinder abholen", sagt Polizeisprecher Peter Kimanthi. Solange müssten die Drei in einer Polizeiwache abwarten. Man habe leider keine anderen Räume.

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