Welt : "Herren": Ein Duft nach Ammoniak

Thomas Schaefer

"Die meisten wollten nur eins - sich erleichtern und dann so schnell wie möglich wieder an die Arbeit." Vermutlich deshalb sind öffentliche Aborte Unorte in der Literaturgeschichte. Der 1948 in Südafrika geborene, in England lebende Warwick Collins lässt nun einer Einrichtung Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit zukommen, mit der man Gestank und einen gewissen Ekel assoziiert und die doch segensreich und oft frequentiert ist und deshalb eine Fülle erzählenswerter Geschichten verheißt.

Collins hat auch durchaus unerhörte Begebenheiten zu berichten, weniger jedoch Skurrilitäten des Alltags. Denn 40 Prozent der Kunden, die den Locus des schmalen Romans aufsuchen, tun dies aus sehr speziellen Gründen: Das öffentliche Herren-WC im Underground der Londoner City wird in der Mittagspause von seriösen Familienvätern und Geschäftsleuten aufgesucht, die der Monotonie ihres gutsituierten Daseins ein rasches, anonymes sexuelles Abenteuer entgegensetzen wollen.

Dabei ist das WC ist kein Treffpunkt der klassischen Homosexuellenszene, sondern einer vor bürgerlichem Lebensüberdruss flüchtender Gelangweilter. Zu deren saturiertem Milieu stehen die Lebensbedingungen der drei farbigen WC-Angestellten Reynolds, Jason und Ezekiel in krassem Gegensatz. Die müssen dankbar sein, in der geächteten, nach Ammoniak und Urin riechenden Unterwelt ihren knappen Lebensunterhalt verdienen zu können.

Die Schilderungen ihrer monotonen Arbeit "in einem nahezu hermetisch abgeschlossenen Raum", ihrer in der gekachelten Tristesse Gemütlichkeit spendenden Teatime, der Träume von einem besseren Leben, sind die Stärken eines Buches, dessen Story eher flach ist.

Als sich immer mehr Kunden über die Zustände beschweren, bekommen die drei WC-Wärter den amtlichen Auftrag, für Ordnung zu sorgen, was sie mit dem Ergebnis tun, dass die Einnahmen um 40 Prozent sinken, wodurch die Existenz der Einrichtung gefährdet ist.

Wie es zu deren Rettung und zum Happy End kommt, wird von Warwick Collins auf eine Weise erzählt, die einen so flüchtigen Eindruck hinterlässt wie die Kunden, die nicht als Individuen, sondern als gesichts- und geschichtslose Schemen, von den Angestellten "Reptilien" genannt, durch eine Kulisse huschen, die nun wenigstens keine literarische Tabuzone mehr ist.

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