Welt : Herzklappen aus Schweineknorpel

In Berlin wurde ein sensationelles neues Verfahren entwickelt – der Schrittmacher aus Plastik wird bald überflüssig

Ingo Bach

Es ist immer ein Wettlauf mit der Zeit: Hat ein Mensch ein krankes Herz, braucht er schnelle Hilfe. Doch oft ist die Hilfe, die ihm die Ärzte derzeit noch bieten können, verbunden mit starken Beeinträchtigungen der Lebensqualität. Deshalb forschen weltweit Mediziner an Methoden, um das kranke Organ nicht mit körperfremdem Material reparieren zu müssen, sondern es regenerieren, das heißt, teilweise nachwachsen zu lassen. Die Vorteile für den Patienten wären enorm: keine Abstoßungsreaktionen und kein unnatürlicher Verschleiß.

Auf der Suche nach dem natürlichen Schrittmacher, der ein aus dem Rhythmus gekommenes Herz wieder auf Trab bringt, ist jetzt einem deutsch-amerikanischen Forscherteam in New Orleans ein Durchbruch gelungen. Das Team unter der Leitung von Eckhard Alt fand die perfekten Schrittmacher-Zutaten: Herzzellen von neugeborenen Ratten und Stammzellen aus dem Bauchfett des Patienten. Nach Informationen des Fernsehmagazins „Spiegel-TV“, das in der heutigen Sendung über „Herzersatzteile“ berichten wird, haben die Experimente von Alts Forschergruppe bewiesen, dass so aus dem Bauchspeck schlagende Herzzellen gemacht werden können - „eine medizinische Sensation“.

Von Ratten lernen

Dazu setzten die Mediziner in Reagenzgläsern Kulturen aus menschlichen Fettzellen und Herzzellen der neugeborenen Nager an. Das Ergebnis: Die Menschenzellen „lernten“ von den Rattenzellen, sich wie Herzzellen zu benehmen – also zu schlagen. Eines Tages könnten solche im Reagenzglas angezüchteten Implantate die jetzigen Schrittmacher aus körperverträglichen Kunststoffen und Prozessoreinheiten ersetzen, hoffen die Forscher.

Auf einen natürlichen Ersatz für Kunststoff hoffen die Ärzte auch bei defekten Herzklappen. Der Bedarf ist enorm. Jährlich werden in Deutschland etwa 25 000 Operationen durchgeführt, um nicht mehr funktionstüchtige Herzklappen zu ersetzen. Dafür verwenden die Chirurgen häufig mechanische Klappen, immer öfter greifen sie auch auf biologische zurück, wegen der physiologischen Ähnlichkeit gewöhnlich vom Schwein. Beide Verfahren habe Nachteile.

Die biologischen Herzklappen verkalken wegen der Immunabwehr normalerweise sehr schnell. Gerade bei Kindern müssen sie deshalb alle ein bis zwei Jahre in einer aufwändigen Operation ausgetauscht werden – eine Tortur.

Plastik ist keine Alternative

Eine Alternative sind die mechanischen Kunststoffklappen. Doch auch sie haben einen gravierenden Nachteil: Die Patienten müssen ein Leben lang Medikamente einnehmen, die die Blutgerinnung unterdrücken. Sie sind also „künstliche“ Bluter.

Doch die in Berlin ansässige Firma „AutoTisue GmbH“ hat ein revolutionäres Verfahren zur Aufbereitung der Schweineklappen entwickelt. Die Herzklappen werden so behandelt , dass das Gerüst aus knorpelartigem Collagen erhalten bleibt, aber sämtliche lebenden Schweinszellen ausgewaschen werden. Dieses Gerüst wird dann mit Gefäßzellen des Patienten besiedelt.

„Der einmalige Vorteil: der Patient zeigt keine Abwehrreaktionen, da der Körper das reine Collagen nicht als Fremdmaterie erkennt“, sagt Firmengründerin Marita Stein-Konertz dem Tagesspiegel. Die erste so aufbereitete Klappe wurde erstmalig im Jahr 2000 eingesetzt. Auch das geschah in Berlin, an der Charité. Der Chirurg: Wolfgang Konertz. Er ist der Ehemann der innovativen Firmenchefin.

Mehr Informationen am Sonntag Abend um 22.30 Uhr bei „Spiegel-TV“ auf RTL

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