Welt : Heute bleibt der Brenner kalt

Der Musikkonzern BMG reagiert mit Billig-CDs auf das illegale Kopieren

Stefan Jacobs

Berlin - Seit diesem Montag gibt es nicht mehr nur Autos mit Extras, sondern auch CDs. Den Anfang machte das neue Album der Berliner Band „2raumwohnung“, das passenderweise „Es wird morgen“ heißt und zu Wochenbeginn in drei Versionen in die Läden kam: Basic, Standard und Premium. Die Plattenfirma BMG betreibt diesen Aufwand, weil die Umsätze der Branche seit Jahren sinken – allein von 2002 zu 2003 um 20 Prozent – und sich die Kundschaft, die ihre Musik oft illegal aus dem Internet herunterlädt, nicht in die Läden zurückholen ließ.

Für Kunden des Saturn-Elektronikmarktes am Potsdamer Platz bedeutete die neue Dreiklassengesellschaft, dass es zwei große Stapel mit der Premium-Version für 16,99 Euro gab – einen davon unübersehbar auf dem Informationstresen. Der zweite Stapel befand sich in der Neuheiten-Abteilung, in der auch die Standardversion für 12,99 Euro zu finden war. Daneben duckte sich ein dritter, nun ja, Stapel, der am frühen Nachmittag nur zwei Exemplare hoch war: die Basisversion. Für 9,99 Euro gibt es die CD mit zwölf Titeln im gewohnten Kunststoffkleid, aber ohne das gewohnte Booklet im Deckel. Nur der aufwändige Druck unterscheidet den Silberling von einem Klon aus dem heimischen Brenner.

Bei der Standard-Variante gibt es zur Musik auch ein Interview mit den Künstlern und das Video zu einem Lied. Das achtseitige Booklet enthält keine zusätzlichen Informationen, sondern nur ein paar bunte Bildchen im Kita-Stil.

Die Premium-Variante ist mit Extras so prall gefüllt, dass sie mühsam aus ihrem schicken Pappkarton geschüttelt werden muss. Neben zwei Bonus-Titeln und noch mehr bunten Bildchen enthält sie ein rund 70-seitiges Heft mit Texten und Gitarrenakkorden plus Zugang zu den Fan-Seiten der Band im Internet. Die Plattenfirma BMG will Spontankäufer mit dem Basispreis und glühende Fans mit den Premium-Extras locken. Der Versuch ist bis Jahresende befristet und nur auf wenige Alben – von Roger Witthaker, Wolfgang Petry, den Guano Apes und Within Temptation – beschränkt.

Wie gut sich die drei Varianten der neuen CD am ersten Tag verkauften, vermochte ein Sprecher von Media-Markt und Saturn am Abend noch nicht zu sagen. Die Konkurrenz schaut jedenfalls gespannt auf das Experiment, aber folgen will sie vorerst nicht. Der neue BMG- Partner Sony lässt alles beim Alten, und Marktführer Universal ist erst recht skeptisch, nachdem eine Rabattaktion in den USA im vergangenen Jahr verpufft ist. Man habe einen Standard-Preis von 9,99 Dollar etablieren wollen, aber die Händler hätten die Preissenkungen nicht an die Kunden weitergegeben, berichtet Universal-Sprecherin Ivonne Ibs. Dass die CD-Verkäufe in den USA angezogen hätten, sei allein der Konjunktur zu verdanken. Fazit: „Die Preissenkung hat sich für Universal in den USA nicht gelohnt.“

Der Bundesverband der phonographischen Wirtschaft will das BMG-Angebot noch nicht bewerten. Für den Gesamtverband deutscher Musikfachgeschäfte warnt Präsident Michael Huchthausen, das Experiment der Plattenfirma gehe zu Lasten der Handelsspanne und bekäme im Fall eines Misserfolges eine Alibi-Funktion: „Nach dem Motto, wir haben es probiert, aber es wurde nicht angenommen.“ Wenn überhaupt, dann richtig, folgert Huchthauen: Wer wissen wolle, ob die Kunden die CDs nach Maß goutieren, der müsse ihnen eine große Auswahl anbieten – und nicht nur eine Hand voll Versuchsobjekte.

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