Hideto Sotobayashi, Hiroshima-Überlebender : "Ich hasse es, Blut zu sehen"

Er war 16 Jahre alt und saß in Hiroshima in der Schule, als die Atombombe fiel. Heute lebt er in Berlin-Mitte. Wie Hideto Sotobayashi auf Fukushima schaut – und was er jungen Menschen sagt.

Hideto Sotobayashi ist 82 Jahre alt. Er wuchs in Hiroshima auf.
Hideto Sotobayashi ist 82 Jahre alt. Er wuchs in Hiroshima auf.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Sotobayashi, wie verfolgen Sie die Katastrophe in Japan?

Im Internet, in japanischen Zeitungen und im Fernsehen natürlich. Als ich die Bilder von Kindern sah, die auf radioaktive Strahlung untersucht werden, von Menschen, die ihre Kleidung ablegen mussten, weil die Geigerzähler zu hohe Messwerte anzeigten, fürchtete ich, dass den Opfern heute dasselbe passiert wie mir und den vielen anderen damals: Sie werden geächtet.

Was meinen Sie damit?

Viele Leute denken, dass Menschen, die einmal radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, ansteckend sind. Sie werden gesellschaftlich isoliert.

Ist Ihnen das selbst so ergangen?

Mein Bruder drängte bis vor wenigen Jahren darauf, ein Geheimnis daraus zu machen, dass ich in Hiroshima war, als die Atombombe fiel. Dabei ist er Arzt. Er müsste doch wissen, dass die Befürchtungen irrational sind. Er sorgte sich darum, dass seine Kinder Schwierigkeiten bekämen, einen Ehepartner zu finden mit einem Onkel wie mir. Deshalb wollte er auch nicht, dass der Name unserer Mutter in der Gedenkstätte der Atombombenopfer in Hiroshima angebracht wurde. „Warte wenigstens, bis meine Kinder verheiratet sind“, sagte er. Ich habe 60 Jahre lang gewartet, ihm zuliebe.

35 Prozent des Stroms wird in Japan in Atomkraftwerken erzeugt. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Japan, das wie kein anderes Land die Zerstörungskraft der Kernspaltung erlebt hat, bei der Energieversorgung so stark auf Atomkraft gesetzt hat?

Die Japaner trennen seltsamerweise die militärische und die friedliche Nutzung voneinander, obwohl ich friedlich für den falschen Begriff halte, wenn man sieht, was gerade passiert ist. Es gab in Japan starke Vorbehalte gegen die Verbreitung der Atombombe. Doch die Atomkraft zur Stromerzeugung zu nutzen, nahmen die Menschen einfach hin. Meine Schwester zum Beispiel, sie ist wie ich gegen Atomwaffen. Aber ihr Mann ist im Aufsichtsrat einer Elektrizitätsgesellschaft. Und was sagt meine Schwester? „Pass bitte auf, was du in Gegenwart deines Schwagers sagst. Der hat das nicht gern, wenn du über die Atomkraft schimpfst.“

Ihre Geschwister leben noch in Japan. Waren sie von der Katastrophe jetzt betroffen?

Nein. Meine Schwester lebt in Hiroshima und mein Bruder in Kyoto, weit weg von der Krisenregion. Einige meiner Neffen wohnen mit ihren Familien in Tokio. Sie gehen ganz normal zur Arbeit. Es gibt Menschen, die die Stadt bereits verlassen haben. Aber wer kann das schon? Eigentlich nur ältere Leute, die pensioniert sind. Wer Arbeit in Tokio hat, gibt die nicht einfach auf.

Sie engagieren sich seit Jahren für die Abschaffung von Atomwaffen, treten in japanischen und deutschen Schulen auf. Warnen Sie dort auch vor Atomkraftwerken?

Atomkraft war nicht mein Thema. Erst in den vergangenen Wochen habe ich mich wirklich intensiv damit befasst. Ein Bekannter hat mir einen Bericht eines japanischen Ingenieurs zugesandt, der 20 Jahre in einem Atomkraftwerk gearbeitet hat und dann an Krebs gestorben ist. Es ist ja nicht so, dass die Leute neben einem Kraftwerk, in dem vermeintlich alles reibungslos funktioniert, keinen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. Das Interessante an dem Bericht des Ingenieurs war, dass selbst vor dem Unfall von Fukushima die Menschen im Umkreis von Atomkraftwerken einer Ächtung ausgesetzt waren. Er berichtet von einer jungen Frau, die sich in Tokio verlobt hatte, und die Familie des Verlobten hatte die Hochzeit platzen lassen, weil sie sich davor fürchtete, die Frau könne keine gesunden Kinder zur Welt bringen.

Ist diese „Ächtung“ typisch für Japan? 

Es gibt Deutsche, die gehen mit dem Thema ebenso irrational um. In Potsdam steht eine Gedenkstätte für die Opfer des Atombombenabwurfs, dort sind zwei Steine eingelassen, einer aus Hiroshima, einer aus Nagasaki. Die Steine sollten weg, weil die Leute Angst hatten, die seien verstrahlt. Dabei waren sie vorher in der Universität in Hiroshima untersucht worden. Die waren völlig ungefährlich.

Sie waren 16 Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima fiel …

… am 6. August 1945 um 8 Uhr 15, ja. Normalerweise hätte ich in dem Alter beim Arbeitsdienst sein müssen, aber ich hatte eine Prüfung bestanden und durfte auf die Elite-Schule gehen. Also saß ich um diese Zeit im Klassenzimmer, wir hatten gerade Chemie. Es war Sommer, ein heller Tag, und trotzdem, Sie müssen sich das vorstellen, als ob jemand plötzlich das Licht einschaltet, ein Licht, das sich in den Gesichtern spiegelte. Dann kam der Donner.

Haben Sie den Atompilz gesehen?

Nein, mir wurde schwarz vor Augen, und ich war sofort ohnmächtig. Erst langsam bin ich wieder zu mir gekommen. Über mir fiel Licht durch ein Loch, und ich habe mich selbst befreien können. Sämtliche Gebäude um die Schule herum, wir waren etwa anderthalb Kilometer vom Zentrum der Detonation entfernt, waren eingestürzt, und zwischen den Trümmern brannte es. Ich hörte einen Hilferuf, mein Freund Komyo, er war eingeklemmt. Ich konnte ihn rausziehen. Sein Kopf blutete, ein Ohr war fast abgerissen und hing an der Seite herunter. Ich bin mit ihm zu mir nach Hause, was nicht so einfach war. Mein Elternhaus war einen Kilometer entfernt und dazwischen lagen zwei Flüsse. Alle Brücken waren zerstört. Komyo konnte gehen, aber nicht schwimmen. Ich habe ein Boot gesucht und ihn damit durch den Fluss gezogen.

Wo befanden sich Ihre Eltern zum Zeitpunkt der Detonation?

Mein Vater war zu Hause. Zum Glück. Sonst wäre unser Haus bestimmt auch abgebrannt. Die Futons hingen wie jeden Morgen zum Lüften aus dem Fenster und haben sofort Feuer gefangen. Er konnte sie gleich löschen.

Was ist aus Ihrem Freund geworden?

Er fuhr noch in seinen Heimatort. Ich habe gehört, dass er dort später gestorben ist. Mein Vater und ich sind aber sofort wieder los …

… um Ihre Mutter zu suchen?

Das hätten wir gern. Aber wir hatten einen Gast, Okimasu, einen Jungen in meinem Alter. Und wenn man die Verantwortung für einen Gast hat, dann muss man sich zuerst um den kümmern. So ist das in Japan. Wir haben auch ihn gefunden, nur etwa 600 Meter vom Epizentrum entfernt.

Erdbeben, Tsunami, Atomunfall in Japan
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24.05.2011 07:40Die zerstörten Reaktorgebäude 1 und 2 des AKW Fukushima. Bisher hieß es nur in Reaktorblock eins sei es zu einer Kernschmelze...

Hat er überlebt?

Wer sich dort befand, hatte nur sehr geringe Chancen. Wir sahen Menschen, denen hing die Haut in Fetzen vom Leib. An einer Brücke führte eine Treppe zum Fluss hinunter, überall lagen Menschen, auf den Stufen, am Ufer. Ich dachte, sie seien alle tot, aber als ich näher kam, haben sie nach meinen Beinen gegriffen. Manche haben um Wasser gebeten, manche wollten nur sagen, wer sie sind, und dass ich ihren Angehörigen von ihnen berichten soll. Im Wasser fand ich dann auch Okimasu. Wir haben seine Leiche mit nach Hause genommen, damit wir sie seinen Eltern übergeben konnten.

Und Ihre Mutter?

Das schlimme war: Wir hatten keine Ahnung, wo wir suchen sollten. Sie war beim Arbeitsdienst damit beschäftigt, Brandschneisen zu schlagen. So hoffte man im Falle eines Bombenangriffs den Feuersturm aufzuhalten. Meine Schwester hat sich später schwere Vorwürfe gemacht.

Was hatte Ihre Schwester damit zu tun?

Sie war erst zehn und wie viele andere Kinder aufs Land evakuiert worden. Meine Mutter hat sie besucht. Weil meine Schwester so klein war, hat sie gebettelt: Bleib doch noch einen Tag! Deshalb kam meine Mutter zu spät zum Arbeitsdienst. Sonst wäre sie an diesem Tag auch zu Hause gewesen. Manchmal macht sich meine Schwester heute immer noch Vorwürfe.

Sie haben Ihre Mutter nicht gefunden?

Doch, im Rot-Kreuz-Krankenhaus. Das war ein enormer Zufall, dass uns das in diesem Durcheinander gelungen ist. Sie sah eigentlich unversehrt aus, oberflächlich war keine Wunde zu sehen. Aber sie konnte sich nicht mehr bewegen. Wir haben sie auf einem Fahrradanhänger nach Hause gebracht. Drei Tage später ist sie mit 35 Jahren gestorben, am 9. August, dem Tag, als die Bombe auf Nagasaki fiel.

Sie sagten, Ihre Mutter sei äußerlich unverletzt gewesen. Sind denn in diesen drei Tagen Krankheitssymptome aufgetreten?

Erst sind ihr die Haare ausgefallen, dann fing das Zahnfleisch an zu bluten, die Zähne wurden locker. Wir haben ihr einen Sarg gezimmert und sie nach buddhistischem Ritual auf dem Feld hinter unserem Haus verbrannt. Bei aller Trauer war es ein Glück, dass wir sie gefunden hatten. Das ist mehr, als viele Menschen heute in Sendai oder Fukushima haben, wo der Tsunami ganze Dörfer weggerissen hat. So sah Hiroshima auch aus, eine Trümmerwüste. Wer Abschied von seinen Angehörigen nehmen kann, der hat Glück.

Wird es Japanern anerzogen, in der schlimmsten Katastrophe eine stoische Haltung zu bewahren?

Vielleicht ist es so, dass die Menschen in Europa glauben, mit der Technik die Natur beherrschen zu können. In Asien ist die Natur stark: Dort gibt es Taifune, Erdbeben, Tsunamis. Eine zehn Meter hohe Welle, das ist Schicksal. Man muss sich damit abfinden und alles wieder aufbauen. Aber Hiroshima und Fukushima sind keine Naturkatastrophen. Daran ist der Mensch schuld.

Als Ihre Mutter starb, wussten Sie, was für eine Art Bombe da auf Sie abgeworfen worden war?

Nein, nur dass es eine außerordentlich starke Bombe gewesen sein musste. Ich dachte zuerst, mein Gott, die muss ganz in meiner Nähe runtergekommen sein. Nur, so empfand jeder in Hiroshima, egal, wo er sich befand. Schon bald gab es Gerüchte, was da im Gange ist. Vielen sind ja die Haare ausgefallen, mir auch. Und auch mir hat das Zahnfleisch geblutet. Wir wussten damals nichts von radioaktiven Strahlen, manche sagten, wir müssten hier weg, man könnte für die nächsten 75 Jahre nicht mehr in Hiroshima leben. Das waren keine offiziellen Meldungen. Im Grunde war es ein bisschen wie heute: Die Leute in der Umgebung von Fukushima wissen auch nicht, was wird.

Wie lange hielt das Sterben an?

Ungefähr bis Ende August würde ich sagen. Doch es gab auch danach Opfer. Mein Vater starb nach 20 Jahren an Magenkrebs. Das führe ich auf die radioaktive Strahlung zurück. Bei mir hat man vor etlichen Jahren einen Darmtumor festgestellt. Er wurde rechtzeitig erkannt. Ich habe wie alle Hiroshimaopfer ein Heft, das berechtigt mich alle zwei Jahre zu einer Untersuchung in Hiroshima.

Wer galt denn als Hiroshimaopfer?

Man zog einen Radius, wer drin war, bekam dieses Heft. Was ich für falsch halte, genau wie heute für Fukushima gilt: Man kann nicht einfach eine Linie ziehen. Strahlung verbreitet sich nicht so homogen. Es war auch nicht nur die Entfernung, die darüber entschied, ob man erkrankte oder nicht.

Die Gegend um das Kraftwerk von Fukushima wurde geräumt. Warum wurde Hiroshima nicht auch aufgegeben und für unbewohnbar erklärt?

Ich bin kein Mediziner, ich glaube jedoch, das können Sie nicht vergleichen. Um Fukushima wird die Gegend seit Wochen rund um die Uhr bestrahlt. In Hiroshima war die Exposition zwar sehr stark, aber auch extrem kurz. Außerdem gab es auch kein Interesse daran, die Stadt zu evakuieren. Japan kam unter amerikanische Besatzung, und die Amerikaner hatten eher ein Interesse daran, dass das Leben in Hiroshima weitergeht. Das war ein interessantes Experiment. Uns wurde Blut abgenommen, behandelt wurden wir nicht. Erst als die Amerikaner auf dem Bikini-Atoll ihre Atomtests zündeten, erfuhren wir, welche Bombe auf uns abgeworfen worden war. Aber die Daten, die die Amerikaner gesammelt haben, werden Sie in Japan nicht finden.

Die Feuerwehrleute heute in Fukushima wissen, welches Risiko sie eingehen. Sind das für Sie Helden?

Ja, vielleicht. Vielleicht hat man sie auch einer Art Gehirnwäsche unterzogen oder unter Druck gesetzt. Waren die Kamikazeflieger Helden, die sich mit ihren Flugzeugen auf den Gegner geworfen haben? Ich bin in jener Zeit groß geworden, gehöre also noch der alten Generation an, in der Japan streng hierarchisch aufgebaut war. Ich habe nie so gedacht. Deshalb sind wir ja in jungen Jahren rausgegangen, ich nach Deutschland, andere nach Amerika, um zu lernen, wie es die anderen machen. Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Jugend ist bequem geworden, die bleiben lieber zu Hause, als irgendwo hinzugehen, wo sie die Leute nicht gleich verstehen.

Sie sprechen heute vor Schülern über Ihre Erlebnisse damals. Reagiert die junge Generation heute sensibel auf die Gefahren der Atomkraft?

In Japan fragen die Schüler, wer Schuld hat. Ihrer Ansicht nach sind die Amerikaner Schuld. Die deutschen Schüler reagieren viel emotionaler. Die fragen, wie es kommen konnte, dass Menschen einander so etwas antun. Sie wollen wissen, wo ich den Mut hergenommen habe, noch mal in die Stadt zu gehen und meine Mutter zu suchen. Ich war nicht mutig. Meine Eltern wollten, dass ich Mediziner werde. Das konnte ich nicht, weil ich kein Blut mehr sehen kann. Ich hasse es, Blut zu sehen. Deshalb bin ich Chemiker geworden.

Ihr Fachgebiet ist die physikalische Chemie.

Ich wollte eigentlich auch nie wieder etwas mit radioaktiver Strahlung zu tun haben. Das ist mir nicht ganz gelungen. Ich habe in Dahlem mit „Bessy“ gearbeitet, dem Teilchenbeschleuniger. Da hatten wir mit Röntgenstrahlen zu tun. Doch das ist recht kompliziert zu erklären. Es war Grundlagenforschung für neue Materialien.

Sie haben am Fritz-Haber-Institut gearbeitet, wo Otto Hahn an der Kernspaltung geforscht hat.

Ja, und ich habe in den 50er Jahren Lise Meitner kennen gelernt. Keiner von beiden dachte daran, die Bombe zu bauen. Die beiden betrieben Grundlagenforschung, das entspricht der menschlichen Neugier. Die Anwendung ist keine Frage der Wissenschaft mehr, sondern eine Frage der Moral, der Ethik und der Politik.

Es war Albert Einstein, der die Amerikaner aufgefordert hat, die Bombe zu entwickeln.

Ja, weil er eine wirksame Waffe gegen Nazideutschland wollte. Später hat er nicht mehr mitgemacht. Er wurde benutzt.

Sie meinen, Grundlagenforschung ist unschuldig.

Ich weiß, das klingt nach einem Widerspruch. Und trotzdem, ich glaube daran.

Das Interview führten Andreas Austilat und Barbara Nolte.

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