Welt : Hier spielt die Musik

Stefan Raab fordert den alten Grand Prix heraus

Jörn Wöbse

„Bundesvision Song Contest" – das klingt noch recht ungeschmeidig; dennoch dürfte das neue Projekt von Unterhaltungskünstler Stefan Raab die ARD in Angst und Schrecken versetzen. Schließlich findet hier ein Angriff auf eine ihrer bisher als uneinnehmbar geltenden Unterhaltungsbastionen statt: den Grand Prix Eurovision de la Chanson, jetzt umbenannt in „Eurovision Song Contest“ (ESC).

Bisher hat diese Veranstaltung des NDR von Raab und seinen Ideen immer wieder profitiert. Vielleicht hat Raab dem alten Wettbewerb sogar das Überleben ermöglicht. Wenn Raab jetzt eine Gegenveranstaltung plant, muss der NDR sich warm anziehen.

Raab ist keiner, der sich mit einem 8. Platz – wie mit Max in Istanbul – zufrieden gibt. Auch der Ehrentitel „Mr. Grand Prix“, den er von Ralph Siegel geerbt hat, der den Grand Prix jahrzehntelang dominiert hatte, bevor Raab kam, kann letzteren nicht befriedigen. Einer wie Raab hat das große Ganze im Auge, also versucht er, das ehrwürdige Event neu zu erfinden.

Mit der Scharfsicht des Pop-Auguren hat er eine zunehmende „Orientalisierung“ des ESC, einhergehend mit der EU- Osterweiterung, ausgemacht. Damit gehe der „Urgedanke des Grand Prix, der sich mit westlicher Popmusik beschäftigt", verloren. Entsprechend diesem philosophischen Axiom will Raab im Frühjahr 2005 das Mutterland westlicher Popmusik, Deutschland also, zu seinem angestammten Rang zurückführen.

Zum „Bundesvision Song Contest“, den Raab plant, soll, wie berichtet, jedes Bundesland einen würdigen Vertreter entsenden. Auf dass in einem glamourösen Finale der Champion, der schönste Popsong Deutschlands gewählt werde. Ein Talentwettbewerb oder gar eine Castingshow soll es aber nicht werden – Raab hofft auf prominente Interpreten. Die müssen sich dann Jurys der einzelnen Bundesländer stellen: Das Verfahren solle genauso furchtbar sein, wie das Original, sagte Raab sinngemäß über sein Konzept.

Das dürfen wir uns dann wohl so vorstellen: „Hallo, hier ist Axel Schulz aus Potsdam mit dem Votum der brandenburgischen Jury: Unsere 12 Punkte gehen nach … Berlin!“ Auch auf die kultige Simultanübersetzung müsste bei den meisten Ländern nicht verzichtet werden.

Herrliche Aussichten: die Hauptstadt schickt womöglich die kampferprobten Mannen von „Rammstein“ in die Schlacht gegen die „Randfichten“ aus Sachsen, Daniel Küblböck tritt für Bayern gegen die Hamburger Diskursrocker „Blumfeld“ an, Herbert näselt für Nordrhein-Westfalen, Xavier Naidoo psalmodiert zugunsten von Rheinland-Pfalz und die „Scorpions“ schließen zum Wohle Niedersachsens ein letztes Mal ihre Stromgitarren an. Hier ein zartes Stimmchen aus dem Saarland – ist’s nicht Nicole? – dort allerlei Getöse aus Bremen – Käpt’n James (Last), der noch mit 75 Jahren riesige Hallen füllt, sorgt immer für hohen Seegang. Natürlich wäre es ein Frevel und Verrat an dem grandiosen Konzept, all dies an einem einzigen Abend, und sei er noch so lang, schnöde zu versenden.

Nein, Stefan Raab, und nochmals Nein: die magische Zahl 16 schreit doch geradezu nach Achtelfinale, Viertelfinale, Halbfinale und Finale! So lassen sich vier Samstagabende mühelos füllen, die Quoten erreichen gigantische Ausmaße, und die Telekom freut sich über das Anruf-Aufkommen.

Positiver Nebeneffekt: Bei Pro7 kann dann „Alm“-Ähnliches an diesen Abenden entfallen, das Quälen von Viechern, „Prominenten“ und unschuldigen Zuschauern würde auf ein Mimimum begrenzt.

Vom NDR, dem verantwortlichen Sender für den alten Eurovision Song Contest ist zu vernehmen, der „Gesangswettstreit zwischen Vertretern der Bundesländer geht sehr weit weg von unserem professionellen musikalischen Ansatz“. Das mag sein, aber wenn es erst einmal so weit ist, und beide Konzepte gegeneinander antreten, darf man auf die jeweiligen Marktanteile gespannt sein. Einer wird gewinnen.

Juristische Schritte erwäge man beim NDR nicht, erklärt Pressesprecher Martin Gratzke, „Herr Raab kann machen, was er will“. Das wird er.

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