Welt : High auch ohne Fisch

Brandauers „Dreigroschenoper“ fällt durch im Berliner Admiralspalast. Doch das Haus glänzt. Mit dem alten Johannes Heesters

Rüdiger Schaper

Anderthalb Stunden nach Mitternacht, Brandauers Brecht-Pleite ist schon fast Geschichte – und die neuen Hausherren vom Admiralspalast schenken ohne Ende Alkohol aus –, um ein Uhr dreißig betritt ein Herr die Bühne.

„Bier ist gut für die Stimme“, sagt er, und nippt an einem Glas. Der Frack sitzt. Die Stimme trägt, in dem riesigen Theatersaal für 1700 Menschen. An die Titel seiner Lieder könne er sich nicht mehr so gut erinnern. Aber er singt sie ohne Furcht und Tadel, sobald ihm seine ein halbes Jahrhundert jüngere Frau Simone Rethel den Anfang souffliert. Er steht, gegen den Flügel gelehnt. Er macht Conference. Knödelt mit strahlenden Augen seine tenorigen Leibspeisen für das Publikum. Das ist längst aufgesprungen und überschüttet den 102-Jährigen mit Ovationen.

Was für ein Coup! Johannes Heesters, Jopi leibhaftig, gibt dem wiedereröffneten Admiralspalast die Ehre. Hier hat er 1940, und da bekommt man schon ein flaues Gefühl für Zeit und Raum und Geschichte, seinen Grafen Danilo in der „Lustigen Witwe“ geschmettert, der Kapellmeister damals in der Reichshauptstadt hieß Franz Lehár. Von dem weiß Heesters, da kennt er keine Gedächtnislücken, noch hübsche Anekdoten zu erzählen. Von Champagner in der Garderobe und so weiter. Und dann reicht ihm seine Zauberassistentin Stock und Zylinder, legt ihm den weißen Schal auf die Schultern, das Capital Dance Orchestra setzt behutsam ein, und der Herr geht tatsächlich noch einmal ins „Maxim“.

Was für ein Abend! Zwischen Debakel und Triumph, und von beidem reichlich viel. Eine solche Theaterpremiere hat es in Berlin lange nicht gegeben. Riesenauflauf, wie sonst manchmal nur bei der Biennale. Und auch hier, an der Friedrichstraße, mehr Fotografen und Fernsehteams als Stars auf dem roten Teppich. Was heißt schon Stars? Das Publikum hat das neue, alte Haus schon am ersten Abend gestürmt. Und Falk Walter, Bauherr und Impresario, hat das gespürt. Dass es etwas werden kann mit den Millionen, die er hier mit seinen Partnern investiert hat. Dass der Admiralspalast eine Zukunft hat, trotz der misslungenen „Dreigroschenoper“. Trotz der heftigen Kräche, die Regisseur Brandauer und sein Produzent Lukas Leuenberger bis zuletzt mit Walter und seinen Leuten in aller Öffentlichkeit ausgetragen haben.

Baustelle, Schaustelle. Es roch am Freitagabend schon noch nach Kalk und Farbe, das Haus vermittelte einen rohen, aber nicht bedrohlichen Charakter, und schließlich ist Theater ein Medium der Improvisation. Gewiss gibt es bessere Probenbedingungen, zumal für ein so zusammengewürfeltes Ensemble, doch als Generalausrede kann das endlose Bau- und Handwerkerdrama nicht durchgehen für Brandauer und Co.

Seine Inszenierung lässt vermissen, was am Anfang aller Theaterkunst steht. Das Handwerkliche eben. An die Dimensionen im Admiralspalast, das breite Portal, die gewaltigen Zuschauerränge, wird man sich gewöhnen müssen. Die Akustik ist problematisch. Selbst die Volksbühne nimmt sich gegen diesen Saal wie ein Kammerspieltheater aus. Die Fähigkeit, Theater groß, riesengroß zu denken, ist verloren gegangen in Berlin, das immer eine große Theaterstadt war. Erwin Piscator, Max Reinhardt (den hatten die Nationalsozialisten längst verjagt, als Heesters Operettensiege feierte) – diese Generation konnte das noch. Auch Gründgens, den Brandauer einmal grandios im Kino gespielt hat. Brandauer, der Filmstar, der Burgtheatermatador, ist als Großinszenator bisher noch nicht hervorgetreten.

Was wollen sie denn überhaupt erzählen mit Brechts und Weills Superklassiker? Hat Brandauer eine Idee, was uns das Stück, pardon, erzählen will, anno 2006, zu Brechts 50. Todestag? Die Frage könnte man sich schenken, wenn, ja wenn Brandauers „Dreigroschenoper“ Tempo und Unterhaltungswert hätte, wenn es eine Show wäre mit all den Stars, die hier in große, zu große Rollen schlüpfen.

Aber kaum einer aus dem Brandauer-Ensemble hat die Kraft, die Raffinesse eines Johannes Heesters oder einer Barbara Schöneberger, die auf der Premierenfeier Swing-Standards zum Besten gab. Campino kämpft tapfer. Nicht ohne Charme, sein Mackie Messer, aber die Körpersprache verrät: Dem Kerl ist er nicht wirklich gewachsen. Verdammt schwer, so eine Weill-Partitur. Nein, jetzt kein Witz mit „Toten Hosen“. Campino ist eher ein nicht ganz ausgefüllter Abendanzug. Auch wenn er sich im Schlussbild ein bisschen freikämpfen kann. Sympathisch, dass er seinen Respekt vor Brecht und Weill nicht versteckt. Und wie er, lächelnd, den Standardsatz von Mackie Messer sagt: „Da kannst du was lernen.“

Von wegen Bild. Die Bühne – von Ronald Zechner – historisiert streng. Zwanzigerjahre, muffig, ärmlich und ein bisschen verschwindend an der Riesenrampe. Die Kostüme – von Petra Reinhardt – passend dazu. Sieht aus wie eine Geschichte von Fallada („Kleiner Mann, was nun?) Sie zitieren Brechts berühmten Halbvorhang, auch wenn dieses Markenzeichen erst viel später ausgeprägt wurde, mit dem Berliner Ensemble.

Brandauers schnarrende Kommandostimme aus dem Off kündigt die Szenen an. Man ist dankbar für die Weckrufe. Weil Brandauers Regiebemühungen gnadenlos offenlegen, was für ein Stück das ist: ein geniales Stückwerk. Und dafür hat Brandauer keine Idee. Der Staub, den die Arbeiter- und Putzkolonnen in Nachtschichten aus dem Admiralspalast geschafft haben, liegt dick und zäh plötzlich wieder auf dem Abend. Sie finden einfach keinen Fokus – deswegen segeln für die Songs beleuchtete Rahmen vom Schnürboden herab. (Die Technik scheint zu funktionieren.) Damit man überhaupt einen Anhaltspunkt hat, wohin man schauen soll.

Ein Debakel also. Nicht ganz. Denn man muss sagen: Das Berliner Publikum hat am historischen Ort, zu dieser irgendwie doch auch historischen Stunde (wann wird schon einmal ein so großes und herrliches Theater eingeweiht?) seine Klasse gezeigt. Satte Buhrufe am Ende für Klaus Maria Brandauer, der sichtlich irritiert von der Bühne ging. Großes Hallo für Campino, höflicher Applaus für Gottfried John, der den Bettlermeister Peachum sehr still anlegt. Und: Jubel für die Schauspielerinnen!

Es war mal wieder so, und das passt ja auch bei Brecht, dass die Frauen die Chose gerettet haben. Elisabeth Hauptmann, immer wieder vergessen, hat ihm damals die „Dreigroschenoper“ mundgerecht serviert, die Weigel schmiss ihm das BE. Im Admiralspalast konnte man am Premierenabend erst von dem Moment an von einer Theateraufführung sprechen, als Birgit Minichmayr von der Volksbühne, eine tolle Polly, das Lied von der „Seeräuberjenny“ sang. Warum sie aber, und das wiederholt sich nachher, immer im Sitzen ihre großen Auftritte absolviert, bleibt Brandauers Geheimnis. Das hat er auch noch verschenkt.

Aufhorchen lässt auch Jenny Deimling als Lucy. Ein großes, groteskes Talent. Auch wenn sich ein solcher Katastrophenabend im Grunde einer Kritik entzieht, muss man doch sagen: Auch Katrin Sass spielt ihre Mutter Peachum mit Herzblut. Und Maria Happel, die Spelunkenjenny, deutet an, wie so ein Weill-Song klingen kann.

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Frank Bartel hockte in seinem Orchestergraben, der fünfzig Meter unter der Bühnenoberfläche zu liegen schien. Die Hits, und die „Dreigroschenoper“ ist voll davon, verrauschen, als hätte ein böser Geist alle Höhen und Tiefen aus der Tonanlage herausgedreht, allen Bass und Biss. Gelegentlich drang einmal etwas nach oben. Aber das kann sich noch einspielen.

Und jetzt? Haben wir in Berlin eine „Dreigroschenoper“ ohne Sex, ohne Politik, ohne Crime, so brav, so bieder. Aber da steht auch wieder der Admiralspalast – ein offenes Tor, eine Einladung, ein großes Versprechen. Was ist der Einbruch einer Theaterpremiere gegen die Gründung eines Theaters?

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