Welt : Hilfe, Hilfe

Christoph Link

UN-Blauhelme waren die ersten, die aus Goma flüchteten. Und die UN-Hilfsorganisationen waren die letzten, die sich in die zerstörte Stadt zurück wagten: Das ist der Vorwurf von Bürgern von Goma und der im Nord-Kivu herrschenden Rebellengruppe RCD. Die harsche Kritik an den Vereinten Nationen war von Bizima Karaha, dem außenpolitischen Sprecher der RCD, geäußert worden. Das UN-Hauptquartier von Goma wurde nicht von der Lava zerstört, sondern von Plünderern ausgeräumt - nicht einmal einen Wachmann hatten die UN in Goma gelassen. Aber die Kritik kommt von einer Seite, die bei den Bürgern von Goma an Sympathien eingebüßt hat. Die RCD-Rebellen hatten über ihr Lokalradio am Katastrophentag verbreiten lassen, die Leute sollten in ihren Häusern bleiben - selbst als die drei Lavaströme schon kurz vor den Haustüren waren.

Gestern machten Gerüchte in Goma die Runde, dass die RCD Lebensmittel von den Märkten beschlagnahme und an Bedürftige verteile - auch das wird sie bei den Bürgern nicht beliebter machen. Die Kritik ist von den Blauhelm-Soldaten, die einen Waffenstillstand in der Demokratischen Republik Kongo überwachen sollen, immerhin eingesteckt worden: Ja, man habe die erste Priorität darin gesehen, "die Flugzeuge zu retten", gestand ein Verantwortlicher der UN-Truppe bei einer Pressekonferenz ein.

Nicht nur das Militär, auch die zivilen UN-Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm stehen unter Beschuss, und zwar wegen ihres späten Einsatzes in Goma. Erst gestern, eine Woche nach der Katastrophe, wurden Lebensmittel und Wasser durch das Welternährungsprogramm (WFP) in der Stadt Goma verteilt - nur für 70 000 Menschen, obwohl WFP von 340 000 Notleidenden gesprochen hatte. Offen gestand UN-Koordinator Barry Sesman ein, dass man auf die falsche Strategie gesetzt habe. "Wir wissen, dass wir spät ankommen", sagte Sesman. Man habe wegen der Warnungen vor dem aktiven Vulkan die Hilfe außerhalb von Goma angeboten. Das sei im Einklang mit den Behörden und der internationalen Gemeinschaft geschehen, "aber gegen den Willen der Flüchtlinge". Kaum hatte sich die Lage beruhigt, am dritten Tag nach der Katastrophe, hatten Zehntausende die Camps in Ruanda verlassen und waren in ihre Stadt zurückgekehrt.

Die Erklärungen der UN werden bei anderen Hilfsverbänden, die ihrerseits viel flexibler waren, als "Entschuldigung" akzeptiert, wie Patrick Nicholson von Caritas International es formuliert. Die UN könne nicht einfach Lebensmittel "irgendwo hinschmeißen", sie müsse es gut organisieren, sagte Nicholson. Der Caritas-Mann stand gestern an einer von drei Lebensmittelausgaben, die er mit der Caritas Goma organisiert hatte. "Hier warten 6000 Menschen auf Essen, viele der Leute haben seit einer Woche nichts gegessen. Aber es stirbt hier niemand an Hunger."

Gestern sind zwei Schneisen durch die Lavabarrieren gebaggert worden. Dabei kamen zwei Planierraupen und zwei Schaufelbagger zum Einsatz, die die Deutsche Welthungerhilfe für ein Straßenbauprojekt vorgehalten hatte.

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