Welt : „Hilfe, wir ertrinken“

Nach dem Hurrikan „Katrina“ machen sich in den USA Erleichterung, aber auch Entsetzen breit

Christoph von Marschall[Washington]

Am Tag, nachdem der Hurrikan „Katrina“ mit unvorstellbarer Gewalt über Louisiana, Mississippi und Alabama gezogen war, schwankte die öffentliche Stimmung zwischen Erleichterung und Entsetzen. Erleichterung, weil es nicht zu der „Jahrhundertkatastrophe“ gekommen war, die man befürchtet hatte. Und Entsetzen über die stündlich steigenden Totenzahlen und das Ausmaß der Schäden.

Erst mit Anbruch des Dienstags – in Deutschland war es bereits Nachmittag – konnte man beginnen, sich einen Überblick zu verschaffen. New Orleans stand zu 80 Prozent unter Wasser, auch in anderen Städten waren ganze Wohnviertel bis zum Dach in den Fluten verschwunden. Menschen, die den Evakuierungsbefehl ignoriert hatten, riefen von Dächern um Hilfe. Gefällte Bäume, herabgerissene Stromleitungen und Autos hatten sich ineinander verkeilt, Sturm und Flut ganze Fassaden weggerissen. 80 Tote war der Zwischenstand, die meisten in Mississippi, aber zu diesem Zeitpunkt hatte Louisiana noch gar keine Angaben über Opfer gemacht. 1,3 Millionen Haushalte und Betriebe waren ohne Strom. Und nun wuchsen die Sorgen um das Trinkwasser, nachdem Leitungen und Vorratsbehälter beschädigt worden waren und die schmutzigen Fluten die Wassereinzugsgebiete zu kontaminieren drohten. Zehntausende wurden obdachlos, schätzte FEMA, die bundesstaatliche Katastrophenschutzbehörde. Sie stellte sich darauf ein, Notquartiere für mehrere Monate einzurichten.

„Das ist unser Tsunami“, sagte der Bürgermeister der Küstenstadt Biloxi, Mississippi, Holloway. In der Stadt waren 30 Menschen in einem zusammenstürzenden Apartmenthaus getötet worden. Die Stadt Gulfport, weiter westlich in Mississippi, soll weitgehend zerstört sein. Dort hatte „Katrina“, deren Zentrum 40 Meilen östlich von New Orleans vorbeigezogen war, am heftigsten gewütet.

Auch in New Orleans selbst war die Stimmung geteilt. „Ein einziger glücklicher Schlamassel“, überschrieb die „New York Times“ ihren Bericht, ähnlich intonierten andere Zeitungen. „Mein Herz ist schwer, ich habe keine guten Nachrichten“, sagte Bürgermeister Ray Nagin, als er am Dienstag vor die Kameras trat. Das Französische Viertel und andere höher gelegene Gebiete waren glimpflich davongekommen, aber mancherorts stand das Wasser sieben Meter hoch. Und nun war der Deich zum Pontchartrain-See auf 70 Metern Breite gebrochen, sein Wasser würde sich langsam in die Stadt ergießen. „Die Flut steigt so schnell, dass ich es kaum beschreiben kann“, berichtete eine Krankenschwester aus dem Tulane-Krankenhaus, dessen 90 Patienten per Hubschrauber ausgeflogen wurden.

Vorsichtig stellten Erste die Frage, wie viele Tote man in den überfluteten Häusern finden würde. Es schwämmen Leichen im Wasser, berichtete Nagin. Tausende hatten allein in New Orleans den Evakuierungsbefehl missachtet und waren mit dem steigenden Wasser in höhere Etagen ausgewichen, bis nur noch der Weg auf das Dach blieb – wenn er denn blieb. Während der starken Stürme am Montag konnte die Notrufzentrale die Notrufe nur aufzeichnen. Es sind bedrückende Dokumente: „Hilfe, wir ertrinken.“ Oder: „Hilfe, meine Mutter hat eine Herzattacke.“ Feuerwehr und Katastrophenschutz konnten aber zunächst nicht ausrücken. In der Nacht zum Dienstag wurden trotz Dunkelheit 500 Menschen von Dächern gerettet.

„Katrina“ ist am Dienstag in Richtung Tennessee und Ohio-Tal weitergezogen, hat über Land rasch an Kraft eingebüßt und ist zum „tropischen Sturm“ herabgestuft worden. Mit inneren Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h ist die Zerstörungskraft noch beträchtlich.

Die großen Zeitungen ordnen die Probleme in ihren Kommentaren als zum Teil menschengemacht ein. Allerdings sind damit nicht Erderwärmung und Klimawandel gemeint, sondern die zunehmende Besiedlung und wirtschaftliche Nutzung von Gebieten, die früher für den Hochwasserschutz reserviert waren. Louisiana müsse zum „natürlichen Hurrikanschutz“ zurückkehren – ein Projekt, das 40 Jahre dauern und 14 Milliarden Dollar kosten werde –, so wie das in den Everglades in Florida gelungen sei. Und in New Orleans sei es höchste Zeit für eine Modernisierung des Systems aus Deichen und Pumpen, ohne das die Stadt auch in normalen Zeiten nicht leben kann, da zwei Drittel ihres Gebiets unter dem Niveau des Meeresspiegels liegen.

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