Welt : Hilferufe auf Papier

Wochenlang quälte ein Sextäter eine 13-Jährige in seiner Wohnung. Ihre Rettung: ein fallengelassener Zettel

Lars Rischke[Dresden]

Auch für Stephanies Eltern waren es die schlimmsten Stunden, Tage und Wochen ihres Lebens. Die Hoffnung aufgegeben hatten sie aber nie. „Wir sind so glücklich, dass sie lebt", sagt der Vater, ein Pensionsbetreiber, einen Tag nach der Befreiung des 13-jährigen Mädchens. Kurz zuvor hatte das Dresdner Amtsgericht Haftbefehl gegen ihren mutmaßlichen Entführer erlassen. Oberstaatsanwalt Christian Avenaris sagte, dem 35-Jährigen werde unter anderem schwerer sexueller Kindesmissbrauch und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Er soll die Schülerin fünf Wochen lang in einer Dresdner Wohnung festgehalten und massiv missbraucht haben.

Der Tatverdächtige schweigt. Bereits 1999 war er wegen Kindesmissbrauchs verurteilt, Mitte 2002 aber vorzeitig freigelassen worden. Die Bewährungszeit war erst Ende 2005, also nur wenige Tage vor der Tat, abgelaufen. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der Mann das Mädchen am 11. Januar auf dem Schulweg abgepasst, in sein Auto gezerrt und in seine Wohnung gebracht. Die Polizei hatte die Schülerin dort am Mittwoch befreit.

Der Vater sagte, er sei stolz darauf, dass sie selbst zur Befreiung beigetragen habe . Stephanie hatte mehrere Zettel mit Hilferufen geschrieben. „Hilfe, Hilfe“, stand darauf in ihrer noch kindlichen Schrift. „Es geht um Leben und Tod! Jede Minute zählt! Das ist kein Scherz.“ Sie vermerkte auch Adresse und Namen ihres Peinigers. Der muss mit dem Kind während der fünf Wochen kurzzeitig seine Wohnung verlassen haben. In einem unbeobachteten Moment gelang es dem Mädchen dann offenbar, den Zettel vor einem Papiercontainer fallen zu lassen. Ein Passant entdeckte den Hilferuf und verständigte die Polizei.

Nach Stephanies Verschwinden hatten Dutzende Beamte mit Spürhunden die Gegend durchkämmt. Sie suchten entlang des Schulwegs, in Gartenlauben, in einer alte Fabrik. Zwei Tage später wurde die Sonderkommission „Stephanie" gegründet. Die Polizei befragte Mitschüler und Passanten. In der ganzen Stadt war ein Zeugenaufruf mit dem Bild des Mädchens zu sehen. An der Suche waren Hubschrauber beteiligt, ausgerüstet mit Wärmekameras. Zuletzt wurde die Polizei in den Nachbarländern Polen und Tschechien um Unterstützung gebeten.

Von Anfang an glaubten die Eltern nie daran, dass Stephanie weggelaufen war. Sie gilt als zuverlässig, ist eine gute Schülerin und hatte keinen Ärger mit Eltern oder Mitschülern, die sie als aufgeschlossen und fröhlich beschreiben. Drei Tage nach ihrem Verschwinden ging der Vater an die Öffentlichkeit. Er hatte keinen Zweifel, dass seine Tochter in großer Gefahr war. „Wenn Stephanie gewaltsam entführt wurde, denken Sie ein kleines bisschen menschlich, lassen Sie sie irgendwo raus, damit wir sie abholen können“, appellierte er an den oder die Entführer. Der Aufruf war im Lokalfernsehen zu sehen und stand in allen Dresdner Zeitungen.

Stephanies Kidnapper aber reagierte nicht, er dachte nicht daran, menschlich zu sein. Es spricht einiges dafür, dass er die Tat lange vorher geplant hatte. Nur wenige Tage vor der Entführung soll er neue Jalousien an seinen Fenstern befestigt haben. Die waren zuletzt ständig zugezogen. Der Mann wurde kaum noch gesehen. Ging er allein aus dem Haus, knebelte er das Kind, so dass es sich nicht bemerkbar machen konnte.

Einen Tag nach seiner Befreiung werden nun Fragen laut. Hat die Polizei wirklich genug getan? Warum hat sie nicht allen einschlägig vorbestraften Sexualstraftätern auf den Zahn gefühlt? Die Polizei räumt ein, nicht alle vorbestraften Sexualtäter in Dresden überprüft zu haben, sondern nur die im Stadtteil. Der Tatverdächtige war dort zwar polizeilich gemeldet, im Polizeicomputer war seine Adresse aber nicht vermerkt. Dort stand noch seine alte Anschrift.

Tatsächlich wohnte der Mann in einem hell getünchten Mehrfamilienhaus, ein paar hundert Meter von Stephanies Elternhaus entfernt. Er lebte zurückgezogen, mied den Kontakt zu anderen Mietern. Ein Einzelgänger. Nachbarn beschreiben ihn als unsympathisch und aufbrausend. Man ging ihm aus dem Weg. Doch niemand ahnte, dass er in seiner Wohnung ein Kind quälte. „Oh Gott, das ist alles so furchtbar“, sagt eine Nachbarin mit belegter Stimme, „nicht mal dem hätte ich das zugetraut.“

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