Welt : Hilflose Schreie

Im iranischen Bebengebiet ist die Verzweiflung groß

Martin Ebbing[Dahujeh]

Auf der Ladefläche rostiger Pick-ups werden die Leichen herangefahren. Vor der Moschee, von der nur die beiden kurzen Minarette und die golden glänzende Kuppel das Beben unbeschadet überstanden haben, sind mitten zwischen dem Schutt einer umgefallenen Mauer zwei große Gräber vorbereitet worden. Ein Mullah hält das Totengebet für drei in weiße Tücher verhüllte Leichen, die auf einem Teppich auf der Erde liegen. Der Statur nach könnten es ein Vater, eine Mutter und ein Kind sein. Eine junge, in einen schwarzen Tschador gehüllte Frau schreit außer sich und muss von den Umstehenden gehalten werden. Die Männer lassen die Leichen der Reihe nach in die Gräber hinunter.

Es ist ein schlichtes Begräbnis, aber Dahujeh war immer ein armes Dorf und diese Armut ist seinen Bewohnern nun zum Verhängnis geworden. Das Beben hat all die einfachen Häuser, die aus nicht mehr als ein paar Ziegeln und viel Lehm gebaut waren, zum Einsturz gebracht. An den zwei moderneren Gebäuden des Ortes, die ein inneres Stahlgerüst besitzen und solide gemauert wurden, sind dagegen nur äußere Risse und ein halb eingestürztes Dach als Schäden zu erkennen.

Nach der offiziellen Statistik, die im Gouverneursamt in der Bezirkshauptstadt Zarand geführt wird, verloren von den 829 Einwohnern Dahujehs bei dem Beben 120 ihr Leben. Insgesamt starben nach letzten Angaben bei dem Erdbeben im Inneren Irans etwa 500 Menschen. Zwei davon waren die Frau und die kleine Tochter von Resa Ghamsari. Er selbst hatte es sich nach dem Erdbeben im nur 200 Kilometer entfernten Bam angewöhnt, unter dem großen Metalltisch im vorderen Zimmer zu schlafen. Das rettete ihm und seinen beiden Söhnen das Leben. Nun sucht er in den Resten seines zusammengestürzten Hauses nach ein paar unbeschädigten Habseligkeiten. Ein paar Plastikteller und Aluminiumtöpfe sind an der Seite aufgestapelt.

Auf die Frage, wie es weitergehen solle, zuckt er mit der Schulter und die Tränen schießen ihm in die Augen. Ob er Hilfe bekomme? Bis jetzt noch nicht. Ob er in Dahujeh bleiben wolle? Er zeigt auf die Häuser in seiner Nachbarschaft. Dort sind vier Menschen zu Tode gekommen, dort sechs, dort fünf. Von seinem Heimatort ist nicht mehr geblieben als Schutt.

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