Welt : Himmelssturz (Glosse)

Peter von Becker

Fliegen scheint selbstverständlich. Bis etwas passiert. Zwar wissen wir, dass der Straßenverkehr oder die Haushaltsarbeit im Jahr viel mehr Opfer fordern als der Düsentrieb zwischen Himmel und Erde. Aber nicht allein die Seltenheit eines Flugzeugabsturzes und die fast unvermeidlich tödlichen Folgen lassen uns, wenn es denn doch passiert, in besonderer Weise erschrecken. Man sagt, Mythen sind das kollektive Gedächtnis (und Unterbewusstsein) der Menschheit. Der Traum vom Fliegen und das Entsetzen über den Himmelssturz, der Mythos von Daedalus und Ikarus, leben archaisch fort; und ein Störfall im Luftverkehr ist, abgesehen von Atomunfällen, in der Hightech-Gesellschaft das Allerunheimlichste.

Unheimlich auch die Folge, manche nennen es jetzt schon eine Serie, der nicht geklärten Abstürze vor der amerikanischen Ostküste. Vor drei Jahren war es die Boeing der TWA, die plötzlich vom Radarschirm verschwand; dann die Maschine Kennedys, jetzt die Boeing der Egypt Air. Diese Nachricht kam am Sonntagmorgen. Am Abend davor, ganz zufällig, erzählt eine bekannte Schauspielerin in Berlin im halb privaten Kreis, wie sie kürzlich von Frankfurt nach Berlin fliegen wollte. Die Maschine rollt zum Start - und stoppt so abrupt, als habe jemand die Notbremse gezogen. Nach einigen Minuten meldet der Pilot, nicht er, sondern "die Maschine" habe gestoppt. Später rollt der Airbus auf eine Parkposition auf dem Frankfurter Flugfeld, und nach einer halben Stunde gibt der Captain bekannt, dass ein nicht ausgeschaltetes Handy ein Triebwerk und einen Teil der Bordelektronik lahmgelegt habe. Die Passagiere dürfen nun austreten auf eine Platform und von dort (mit ihren Handys) die Verzögerung nach Berlin durchtelephonieren. Als die Maschine nach anderthalb Stunden neuerlich zum Start rollt, so schwört die Schauspielerin, habe es in der Business-Class plötzlich geklingelt. Der Besitzer des Handys muss dann einen sehr roten Kopf gekriegt haben.

Wir haben nachgefragt: Es war der Flug LH 2400 Frankfurt-Tegel am 13. Oktober 1999. Übertreibung? Zufall? Glück gehabt? Manche Fluggesellschaften ersinnen jetzt elektronische Sperren für Handys, andere vertrauen auf Durchsagen oder auf die mitreisende Vernunft (obwohl Fluggäste heute offenbar Telephonjunkies sind, der süchtige Griff zum Handy vor dem Einstieg und bei der Ankunft hat längst die Zigarette ersetzt). So sympathische Länder wie Italien oder Indien dagegen halten Handys im Flieger für völlig ungefährlich. Dem Publikum, den fliegenden Laien bleibt nur das ratlose Staunen. Zweiter Gedanke: Nichts ist unheimlicher als die Ungewissheit. Früher waren es libysche Raketen, Selbstmörder, Sprengstoffe im Terroristenpäck, die Verkehrsflugzeuge wie Blitze trafen. Das war schrecklich, aber erklärlich. Jetzt war es, solange nichts gewiss ist, die Faust am Himmel. Höhere Gewalt: der älteste Alptraum - vom Fliegen.

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