Welt : Historisches Wörterbuch: Denkmäler aus Problemen

Michael Opitz

Die Idee zu einem Wörterbuch der ästhetischen Grundbegriffe entstand Mitte der achtziger Jahre am Zentralinstitut für Lite-raturgeschichte der Ostberliner Akademie der Wissenschaften. Mit der Ankündigung des Vorhabens verbanden sich für in der DDR arbeitende Geisteswissenschaftler ge-wisse Hoffnungen, weil das Projekt Mög-lichkeiten versprach, einen vorgegebenen Kanon ästhetischer Wertmaßstäbe, der sich aus einer parteipolitisch sanktionierten Be-grifflichkeit herleitete, wesentlich zu erwei-tern.

Mit der Wende von 1989 hat sich dieser Erwartungshorizont grundsätzlich verändert. So brauchte es keiner Anstrengungen mehr, einen Begriff wie Dekadenz - der von der marxistischen Ästhetik noch bis in die achtziger Jahre als "Abwehrbegriff" gegen eine bürgerliche Ästhetik benutzt wurde - aus der ideologischen Umklammerung zu befreien. Vielmehr galt es jenseits ideologischer Vereinnahmungsversuche, ästhetische Begriffe im Kontext ihres historischen Gewordenseins zu entwickeln. Zwar waren keine Grabenkämpfe mehr zu schlagen, was aber nicht bedeutete, dass es vorausset-zungslos möglich sein würde, in der Darstellung der Geschichtlichkeit einzelner Begriffe sich jenseits des Ideologischen bewe-gen zu können. Das Projekt darf als eines der wenigen geisteswissenschaftlichen Forschungsvorhaben aus DDR-Zeiten betrachtet werden, das die Wende überlebt hat. Mit ihm glückte etwas, worauf sich um 1989 eine Reihe von Hoffnungen konzentrierten: kooperative Forschungsarbeit.

Wissenschaftspolitisch kann das Projekt als Erfolg begrüßt werden, aber genügt es auch den Ansprüchen, mit denen das Wörterbuch von kritischen Nutzern zur Hand genommen wird? Unbestritten, mit den ersten beiden Bänden legen die Herausgeber Ergebnisse einer gewaltigen wissenschaftlichen Forschungsarbeit vor. Eine beeindruckende Wissenssammlung ist entstanden, die auf dem Gebiet des ästhetischen Denkens Begriffsphänomene in ihrer gegenwärtigen Aktualität und ihrer Geschichtlichkeit vorstellt. Es werden Überblicke über Theoriedebatten präsentiert, die sich an Begriffen entzündeten. Unmengen von Material mussten gesichtet und Forschungsleistun-gen ausgewertet werden, um Entwicklun-gen, die für das theoretischen Denken be-stimmend waren, sachkundigen Fachleuten und interessierten Lesern so zu präsentieren, dass sich Konturen, Umschlagpunkte in den ästhetischen Diskursen zeigen.

Dabei ist das Ziel verfolgt worden, den engen Zirkel der Fachdisziplinen ebenso zu sprengen, wie es Anliegen war, eine zu starke, sich allein auf Deutschland beziehende Ausrichtung der Begriffs- und Theoriegeschichte zu vermeiden. Aber ist es auch gelungen? Natürlich provoziert ein solches Wissen-schaftsunternehmen neben begründetem Lob auch Fragen und Widerspruch. Wer zu einem Wörterbuch greift, erwartet Informationen, die hilfreich bei der Suche nach Lösung von Problemen sind, die den Horizont des Wissens erweitern, wobei man anhand einer Begriffsdarstellung auf theoretische Fragen verwiesen werden will, die sich im historischen Verlauf an einem Begriff ent-zündeten.

Entscheidende Bedeutung kommt also nicht allein der Begriffsentwicklung, sondern auch der Auswahl der Begriffe zu. Die Herausgeber verweisen im Vorwort unter Bezug auf Adorno, dass es sich bei den ausgewählten Grundbegriffen um "Denkmäler von Problemen" handelt. Aufgenommen wurden Begriffe, an denen sich ein "Wechsel von Dominanzen" in den Künsten zeigen lässt, die "geschichtliche Wandlungen" sichtbar machen, die einen spezifischen "methodischen oder programmatischen Status" im Sinne von "Kampfbegriffen" haben. Es geht "um eine Bilanz der Geschichte ästhetischen Denkens im Spiegel seiner Begrifflichkeit und vor dem Hintergrund der aktuellen Entgrenzung des Ästhetikbegriffs", wobei keine Summe dessen vorgelegt wird, was "Ästhetik systematisch weiß oder wußte", nicht "realenzyklopädische Erwartungen" wollen erfüllt sein, sondern es geht um eine "Synopse des bisherigen Wissens, durch die idealiter ein begriffsgeschichtlicher Dialog möglich wird".

Einen solchen Diskurs vermag das Wörterbuch durchaus zu eröffnen, dennoch müssen einige potentielle "Dialogpartner" aufgerufen werden, die im Begriffsensemble fehlen, gerade wenn man die innere Logik der Auswahl durch die Herausgeber berück-sichtigt. Es verwundert, dass der Flaneur nicht zu finden ist, dieser Inspekteur der Moderne, wie man ihn unter Bezug auf Baudelaire und Benjamin nennen darf, wenn doch die Begriffe Boheme und Dandy auf-genommen sind. Ebenso könnte man durch-aus einen Eintrag zum Begriff Totalität er-warten, nicht nur, weil es sich um einem Lukácschen "Kampfbegriff" erster Güte handelt, sondern auch, weil auf den Begriff des Fragments zurückgegriffen wird. Auch würde man gern von den Herausgebern erfahren, was sie bewogen hat, auf einen Artikel zum Begriff Experiment zu verzichten, wenn sie doch Ästhetik genereller als Ai-sthetik verstanden wissen wollen, als Wahr-nehmung sinnhafter Phänomene, was nicht nur verstanden sein soll mit einer Zuwen-dung zu "den Künsten", sondern auch mit "einer Öffnung des Geltungsbereichs der Ästhetik über Kunst und Künste hinaus für andere Bereiche von Wissen, Alltag, Politik, Ökonomie und Natur" (K. Barck).

Hätten sich demnach bei der Auswahl nicht eben jene "Scharnierbegriffe" als unverzichtbar erweisen müssen, die in den Künsten selber zentrale Kategorien darstellen, und dürfen dann so wesentliche Begriffe wie Raum und Zeit fehlen, die unverzichtbar für die bildende Kunst (auch im Hinblick auf Performance, Videokunst), Architektur und Literatur sind? Wären nicht auch Artikel zu abstrakt/konkret, zu Hermeneutik, zu pitto-resk, Interferenz und zu Verfremdung gera-dezu ein Muss für ein ästhetisches Wörter-buch? Und was ließe sich nicht an den Gär-ten, diesen "geselligen Localen" (Goethe), über Architektur, Landschaftsgestaltung, Raumkunst, Geschmack, Wahrnehmung und ästhetische Debatten entwickeln! Aber das Rubrum Garten wird man - wenn es bei der Begriffsauswahl bleibt - im Wörterbuch vergeblich suchen.

Keine Frage, über welchem Begriff auch immer man sich anhand des Wörterbuchs zu informieren wünscht, es finden sich eine Vielzahl von wichtigen Informationen und entscheidenden Hinweisen. Doch trotz der gebotenen Fülle - Wesentliches sucht man gelegentlich vergeblich. Natürlich stellt Ästhetik/ästhetisch in einem ästhetischen Wörterbuch einen Schlüsselbegriff dar. Ausführlich entwickeln die Autoren die Begriffsgeschichte, die sie - einsetzend mit Baumgartens "Aesthetica" (1750/58) - bis hin zu Kant, Hegel und Nietzsche verfolgen. Damit werden zentrale Theoretiker benannt, die das ästhetische Denken in Deutschland entscheidend geprägt haben, und es finden sich auch entsprechende Hinweise auf die Theoriedebatten in Frankreich und England zwischen dem 18. und 19. Jh.

Aber ein großes Defizit bilden die Bedeutungsverschiebungen des Begriffs Ästhetik in den Debatten des 20. Jahrhunderts. Auch was den Umfang anbelangt, kommen die Überlegungen zu Lukács, Adorno, Benjamin ebenso zu kurz wie die von Künstlern in die theoretischen Diskurse eingebrachten Thesen von programmatischer Bedeutung.

Eine auffällige Dominanz des rhetorisch-poetologischen Aspekts und eine damit einhergehende Vernachlässigung der Künste neben der Literatur reduziert Begriffe, die von übergreifender Bedeutung sind. So wären in dem Artikel über Avantgarde Hinweise zu wesentlichen Gruppierungen des künstlerischen Lebens, das sich in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts herausbildete, durchaus vorstellbar und wünschenswert gewesen (Futurismus, DADA, Kubismus, Brücke, Bauhaus). Besser gelingt die Darstellung der Begriffe Foto und Film im Ensemble und im Hinblick auf die Wechselwirkung der Künste.

Trotz der kritischen Einwände wird das Wörterbuch mit seinen Artikeln zu 170 Begriffen einen enormen Wissensfundus darstellen, wenn es nach der voraussichtlichen Planung 2003 komplett vorliegt. Man wird an diesem Nachschlagewerk nicht vorbeikommen.

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