HIV : Viele gehen das Risiko bewusst ein

HIV lässt sich heute besser behandeln, als noch vor wenigen Jahren. Offenbar Grund genug für manche, das Risiko einer Infektion einzugehen. Wer aber glaubt, die Medizin werde ihn mit Sicherheit retten können, irrt.

Kai Kupferschmidt

Das Wort klingt fast niedlich: Pozzen. Aber was sich dahinter verbirgt, ist alles andere als harmlos, denn es geht darum, jemanden bewusst mit HIV zu infizieren. In Internetforen kann man Menschen finden, die so etwas tun – oder die jemanden suchen, der es tut. „Suche Typen die mich pozzen“, schreibt zum Beispiel eine junge Frau. „Was ist geiler als Sex und Tod zugleich?“

Pozzen ist die wohl extremste Ausprägung eines veränderten Umgangs mit HIV. Auch aus der schwulen Szene gibt es solche Berichte. So treffen sich in Amerika auf speziellen Partys HIV-positive „Giftgiver“, abgeleitet vom englischen Wort für Geschenk, und „Bugchaser“, also Krankheitsjäger, um sich gegenseitig zu infizieren. „Hier in Deutschland kennen wir aber nur Einzelfälle“, sagt Kai-Uwe Merkenich, der Geschäftsführer der Berliner Aids-Hilfe. Trotzdem gibt es Hinweise darauf, dass auch in Deutschland viele bewusst das Risiko einer Infektion eingehen. Ein Grund ist, dass HIV sich heute besser behandeln lässt als noch vor wenigen Jahren. „Eine HIV-Infektion ist in Deutschland kein Todesurteil mehr“, sagt Jürgen Rockstroh, Präsident der deutschen Aids-Gesellschaft und Mediziner am Universitätsklinikum Bonn. „Wenn ein Mann sich heute mit 35 Jahren infiziert, dann kann er erwarten, 70 Jahre alt zu werden.“

Für manche scheint das Grund genug zu sein, das Risiko einer Infektion einzugehen. Phil Langer von der Universität München hat HIV-positive, schwule Männer nach den Ursachen für ihre Infektion gefragt. 15 Prozent der Befragten gaben als einen Grund den „Kick“ an. „Bareback“, also „Reiten ohne Sattel“ nennt sich der bewusste Verzicht auf Kondome in der Schwulenszene. „Das hat auch damit zu tun, dass ungeschützter Sex etwas von rauer Männlichkeit hat und das ist etwas, das viele schwule Männer suchen“, sagt Langer.

Es spielen aber auch ganz andere Gründe eine Rolle. Für manche ist die furchterregende Seuche ein Weg zu menschlicher Nähe. 40 Prozent der befragten Männer gaben in der Studie an, sich aus Verliebtheit infiziert zu haben. An der Uniklinik Bonn trifft Rockstroh immer wieder solche Fälle: „Das sind Menschen, deren Partner ist HIV-infiziert und sie wollen ihm näher sein, diese letzte Grenze überwinden.“ Häufig infizieren sich Menschen dann mit HIV, wenn Sie das Gefühl haben, dass es Probleme in der Beziehung gibt und sie Angst haben, ihren Partner zu verlieren. „In der Regel rettet das die Beziehung aber auch nicht, weil meist andere Probleme im Hintergrund stehen, die für die Beziehungskrise verantwortlich sind und nicht der HIV-Status.“

Immer häufiger sind bei Infektionen laut Rockstroh auch Drogen im Spiel. „Wenn man vor dem Sex Crystal Meth genommen hat oder eine andere Droge, dann denkt man nicht mehr über die Ansteckungsgefahr nach.“

Wer aber glaubt, die Medizin werde ihn mit Sicherheit retten können, irrt. Trotz aller Verbesserung in der Therapie gibt es zahlreiche Risiken. „Es gibt zwar gute Medikamente, aber die vertragen nur etwa 85 Prozent der Infizierten“, sagt Rockstroh. Und auch bei denen gibt es schwere Nebenwirkungen: Herzinfarkte, Krebs, Veränderungen im Fettstoffwechsel. Die Langzeitwirkungen der Medikamente kennt niemand, denn es gibt sie erst seit einigen Jahren. „Natürlich ist es heute nicht mehr so schlimm, HIV zu bekommen, wie in den 80er Jahren, aber ich sehe immer wieder Menschen, die mit 32 einen Herzinfarkt haben.“

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