Hochwasser : Alarm an der Oder

Erst in Polen, und jetzt flussabwärts in Brandenburg: Das Wasser steigt von Stunde zu Stunde – keiner der Experten weiß zu sagen, wie schlimm es werden wird.

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Erst in Polen, und jetzt flussabwärts in Brandenburg: An der Oder steigen unaufhaltsam die Pegel. Ganz allmählich geschieht das. Im märkischen Ratzdorf, der ersten Messstation auf deutscher Seite, sind es jede Stunde zwei Zentimeter mehr, täglich 20 bis 30 Zentimeter. Brandenburg rüstet sich für ein neues Oder-Hochwasser. Der Scheitel mit den Höchstständen wird möglicherweise schon morgen erwartet, früher als gedacht. Nach den dramatischen Überschwemmungen in Polen wachsen hier die Sorgen. Bedroht ist eine sonst kaum beachtete, strukturschwache, dünn besiedelte Region an der Ostgrenze der Bundesrepublik, manche nennen sie gottverlassen. Am Schicksal von Orten wie Ratzdorf oder Brieskow-Finkenherd nahm Deutschland aber schon einmal Anteil – bei der „Jahrhundertflut“ im Jahr 1997, bei der die Ziltendorfer Niederung überflutet wurde, 300 Menschen Haus und Hof verloren. 300 Millionen Euro Schaden entstand, was nach der Flut eine innerdeutsche Spendenflut auslöste.

Hat sich seit 1997 etwas verändert? Fast alles. Die damaligen Hochwasseropfer, großzügig entschädigt, konnten sich neue Häuser bauen. Der brandenburgische Oder-Abschnitt ist 165 Kilometer lang. Zu über 90 Prozent sind die Deiche grundlegend saniert, neu gebaut worden, für rund 221 Millionen Euro. Damals waren sie, teilweise noch aus der Zeit Friedrichs des Großen, nach mehrwöchigem Hochwasser durchgeweicht. Das soll jetzt nicht mehr möglich sein, da Drainage-Entwässerungssysteme eingebaut wurden. Aber auch bei der Hochwasserbekämpfung, damals noch Neuland für die Behörden, hat Brandenburg mittlerweile eine gewisse Routine, zumal es 2002 ein weiteres „Jahrhunderthochwasser“ gab – an der Elbe. Die Abstimmung mit Polen hat sich eingespielt. So liefert Brandenburg jetzt 600 000 Sandsäcke und fünf Spezialboote an die Nachbarwojewodschaft Lebuser Land. Der Einsatz 1997 war auch erschwert, weil Mobilfunknetze löchrig, Handys bei Helfern nicht so verbreitet waren – auch das ist jetzt völlig anders.

Ist die Gefahr vergleichbar mit 1997? Nein. Brandenburg erwartet ein starkes Hochwasser, aber keine Flut. Es kommt deutlich weniger Wasser als damals, als in kürzester Zeit sintflutartige Regenfälle in Polen und Tschechien niedergingen. Damals mussten Brandenburgs Oder-Deiche fast fünf Wochen der Flut trotzen. Zehn Tage, so die bisherige Prognose, werden es diesmal – wenn es in den Einzugsgebieten der Oder nicht wieder extrem regnet. Andererseits ist die Gefahr flussabwärts größer geworden, weil auch Polen die Deiche erneuert hat. Alles Wasser aus den überfluteten Regionen Polens muss abfließen – durch Brandenburg zur Ostsee. Brandenburg stellt sich auf ein Hochwasser der höchsten Stufe IV ein.

Wo liegen die größten Risiken? Für das Oderbruch, damals akut gefährdet, kann es wieder kritisch werden. Die 55 Kilometer lange 15 Kilometer breite Senke mit heute 30 000 Bewohnern, einst ein „Landgewinn“ in Friedenszeiten unter Friedrich dem Großen, würde bei einem einzigen Deichbruch volllaufen. Hier mündet bei Küstrin die Warthe in die Oder. 1997 sorgte sie für Entlastung. Jetzt führt auch die Warthe Hochwasser. Wenn beide Scheitel zusammentreffen sollten, wird es gefährlich für das Oderbruch. Zwischen Ratzdorf und Eisenhüttenstadt gibt es einen fünf Kilometer langen Abschnitt und bei Gartz im Unteren Odertal weitere fünf Kilometer, wo die Deiche noch nicht saniert sind. Verzögerungen beim Deichbau entstanden auch durch Rechtsstreitigkeiten. In Ratzdorf, 1997 fast weggeschwemmt, wehrten sich Betroffene gegen die Deicherhöhung – weil man den idyllischen Blick auf die Oder behalten wollte.

Kaum haben in Polen die Wasserpegel der Flüsse zu sinken begonnen, warnt das Meteorologische Institut bereits vor neuem Unheil. Spätestens in der Nacht auf Donnerstag ist demnach in Südpolen erneut mit starken Niederschlägen zu rechnen. Da die Erde durchtränkt und die meisten Retentionsbecken randvoll sind, müsse mit weiteren Überflutungen gerechnet werden, warnen Fachleute.

In der Hauptstadt Warschau warnte Oberbürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz trotz sinkender Pegelstände an der Weichsel vor einem frühen Aufatmen. Die Deiche seien total durchtränkt und könnten jederzeit nachgeben. Gleichzeitig forderte sie von der Regierung rasche Gesetzesänderungen, die den Deichbau in Zukunft erleichtern würden. So solle etwa das Einspracherecht von Ökoverbänden künftig eingeschränkt werden. In der Nacht zum Dienstag hatte der Hafendeich im Stadtteil Praga erneut nachgegeben. Auch wurde eine wichtige Ausfahrtstraße Richtung Ostpolen gesperrt, nachdem die Fahrbahn am späten Montagabend überraschend eingebrochen war.

Bereits über Pfingsten war es in der Stadt an verschiedenen Stellen zu plötzlichen Überschwemmungen gekommen, die die Bevölkerung verunsicherten. Dabei zeigte sich, dass die Behörden offenbar nicht über alle Kanalisationspläne verfügen, da diese Teils von den deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg vernichtet, teils von den kommunistischen Machthabern nicht korrekt nachgeführt wurden. Der Flutscheitelpunkt der Weichsel erreichte die Stadt Trzew, rund 60 Kilometer südlich von Danzig.

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