Hochwasser : Der Fluss, der Feind

Sie hatten gesagt, das komme nie wieder: die Flut des Jahrtausends. Doch die Experten haben sich geirrt. Wieder versinkt Grimma im Wasser, und in Passau wird ein Rekord gebrochen.

von und
Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
27.06.2013 21:23Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).

Die Frau steht am Fenster. In der ersten Etage. Von dort hat sie einen Logenblick auf versunkenes Land, auf die Wasserlandschaft, in die sich ihre Nachbarschaft verwandelt hat. „Kommen Sie schnell ins Boot“, ruft ihr ein Feuerwehrmann zu. „Das Wasser steigt weiter. Es gibt dann keine Rettung mehr.“ Seine Kameraden gestikulieren heftig, winken und sprechen in allen Tonlagen. Doch die Dame in der Mühlenstraße bleibt skeptisch. Plötzlich zeigen sich zwei Kinder am Fenster. Jetzt will das Feuerwehrkommando erst recht nicht aufgeben. „Seien Sie vernünftig“, bittet der Anführer. Schließlich antwortet die Frau mit einem Kopfnicken.

Wenig später sitzt sie mit ihrer 14-jährigen Tochter und ihrem 11-jährigen Sohn im Feuerwehrboot. „Wir wollen bei unserer Schwester unterkommen“, sagt sie. Und sie lächelt dabei, erleichtert, auf der sicheren Straße außerhalb des Zentrums von Grimma zu stehen, das im schlammigen Wasser der Mulde versinkt. „Mein Mann hält noch die Stellung in unserer Wohnung. Er will nicht weg.“

Grimma ist eine Kleinstadt bei Leipzig, 30 000 Menschen leben hier, aber Berühmtheit erlangte der Ort vor allem, weil es in ihm vor etwas mehr als zehn Jahren schon einmal genauso aussah. Bei dem „Jahrtausendhochwasser“ 2002. Auch damals holten Feuerwehr, Katastrophenschutz und Polizei die Bewohner in der von der Mulde überfluteten Altstadt aus ihren Häusern. Zwingen konnte man sie damals ebenso wenig wie heute. „Ich bin herzkrank“, sagt ein 89-jähriger Mann, der sein Haus am Montagmittag verlassen muss. „Warum nur werden wir immer wieder so heimgesucht? Es ist ein Jammer.“ Er wischt sein Gesicht trocken, das nass ist vom Regen und seinen Tränen.

Hochwasser in Deutschland
Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).Weitere Bilder anzeigen
1 von 443Foto: dpa
27.06.2013 21:23Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).

Im Feuerwehrzentrum an der Umgehungsstraße tagt unterdessen der Krisenstab. Der parteilose Oberbürgermeister Matthias Berger wirkt angespannt. Ohne Unterlass muss er Gespräche führen. „Es wird fast so schlimm wie 2002“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Damals schossen pro Sekunde 2700 Kubikmeter Muldenwasser durch die Stadt. Diesmal liegen wir mit 2200 Kubikmetern nur knapp darunter.“

Also wieder ein „Jahrtausendhochwasser in Sachsen“? Hatten die Experten nicht prophezeit, dass das so schnell nicht wieder kommen würde? „Das ist alles nicht mehr zu fassen.“ Sein Ärger wird gleich aus zwei Quellen gespeist. Zehn Jahre hat der Wiederaufbau der Grimmaer Innenstadt nach dem letzten Hochwasser gedauert. „Sie war schöner denn je geworden. Ein richtiges Schmuckstück“, sagt der Oberbürgermeister über seine Stadt. „Jetzt versinken nicht nur eine halbe Milliarde Euro in den Fluten, sondern vielleicht auch der Wille vieler Einwohner, die ganze Arbeit noch einmal von vorne zu beginnen.“ Hoffentlich, so sagt er, erhalte die Stadt auch diesmal wieder so viele Spenden wie vor zwölf Jahren.

Mit Hochwassern ist das so eine Sache. Wenn es viel regnet, versickert das Wasser nicht mehr im Erdreich, sondern läuft ab in die Flüsse und Seen. Deren Pegel steigen, bis der Mensch plötzlich merkt, wo er sich angesiedelt hat. Das ist seit Jahrhunderten so. Doch an manchen Orten sind die Menschen besser vorbereitet als an anderen.

23 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben