Welt : Hochwasser: Die Deiche werden weich

Thomas Roser

Knöcheltief strömt das Wasser über den geborstenen Asphalt. Umgeknickte Strommasten ragen aus den trüben Fluten. Schweiß rinnt den Soldaten über ihre entblößten Oberkörper, während sie den Sand in weiße Plastiksäcke schaufeln. Seit Donnerstagabend habe er Tag und Nacht auf dem Deich gearbeitet, berichtet müde Damian Rybak auf dem überspülten Damm des zentralpolnischen Dorfes Kamien. Völlig erschöpft schlafen einige Soldaten im Schatten ihrer Einsatzfahrzeuge. Doch der tagelange Kampf von hunderten von Freiwilligen, Soldaten und Feuerwehrleuten gegen die anschwellenden Wassergewalten war in Kamien vergeblich. Schon der ersten Flutwelle, die das 500-Seelen-Dorf an dem Ufer der Weichsel am Montag erreichte, war der aufgeweichte Damm nicht mehr gewachsen. "Der Druck des Wassers war einfach zu stark", seufzt Rybak: "Wie eine Badewanne lief hier plötzlich alles voll." Grafik: Deichbrüche Verheerende Auswirkungen hat das Hochwasser an der Weichsel, das Süd- und Zentralpolen schon seit Tagen im Atem hält. Allein in der Wojwodschaft Malopolskie (Kleinpolen) wurden bis Montag über 3000 Gebäude und 79 Brücken durch die Flutkatastrophe zerstört. 15 000 Menschen mussten bisher in den Überschwemmungsgebieten ihre Häuser und Wohnungen verlassen, der Sachschaden wird auf Milliarden Mark geschätzt - und hat damit fast schon ähnliche Dimensionen wie bei der Hochwasserkatastrophe an der Oder vor 1997 erreicht. Die Deiche seien "weich wie Butter und vollgesogen wie ein Schwamm", klagt auf der Hauptstraße von Kamien Waldemar Gregorek, Kommandant der nationalen Feuerwerksbrigade im nahe gelegenen Lublin. 1200 Soldaten, Feuerwehrleute und Freiwillige seien inzwischen in Kamien im Einsatz.

Die Zahl der Deichbrüche hat sich gestern auf fünf erhöht. Die Krisenstäbe fürchten, dass die Deiche auch an anderen Stellen nicht mehr lange dem Wasser standhalten können.

Unablässig donnern wuchtige LKW mit Schüttmaterial an der Weichsel entlang. Obstwiesen und Weiden haben sich nach den Dammbrüchen in spiegelnde Seenplatten verwandelt. Im Gegensatz zu der Überschwemmungskatastrophe an der Oder vor vier Jahren sei der Katastrophenschutz dieses Mal "sehr gut" organisiert, meint wenige Kilometer flussabwärts der Bauer Kryzstof Hajduk im Dorf Kepa Chodecka: "Es wurden selbst Leute aus Lublin hierher geschickt, um uns zu helfen." Mit Schuldzuweisungen für das Hochwasser ist er denn auch eher zurückhaltend: "Es hat hier noch nie so viel geregnet wie in den letzten Tagen. Es ist einfach zu viel Wasser." Wie seine Nachbarn hat auch Hajduk seine Tiere und Maschinen bereits in ein höher gelegenes Nachbardorf geschafft, das Erdgeschoss seines Hauses sicherheitshalber komplett ausgeräumt.

Wie vor vier Jahren bei der Hochwasserkatastrophe an der Oder haben die Überschwemmungen an der Weichsel das Land ausgerechnet kurz vor einem nationalen Urnengang heimgesucht. "Die Leute hätten sich eben einfach besser versichern sollen", wiegelte 1997 der damalige Premier Wlodzimierz Cimoszewicz anfangs eher ungeschickt die Hilfsgesuche der Betroffenen ab - und verspielte mit seinem Ausrutscher einen sicher geglaubten Wahlsieg. Im Gegensatz zu 1997, als mit Breslau eine der größten Städte des Landes überflutet wurde, sind bisher von den Überschwemmungen an der Weichsel eher dünn besiedelte Gebiete auf dem Land betroffen.

Doch aus dem Fehler seines Vorgängers hat der heutige Amtsinhaber Jerzy Buzek genauso gelernt wie sein sozialistischer Herausforderer Leszek Miller: Unermüdlich touren sie in diesen Tagen durch die Hochwassergebiete, sagen den Betroffenen nicht nur ihr Mitgefühl, sondern auch rasche Finanzhilfen zu. Erstmals haben zu Wochenbeginn die Vorboten der Flut auch die Hauptstadt Warschau erreicht. Die Bierzelte unterhalb der Altstadt am Gestade der Weichsel sind bereits abgebaut, die Flusswiesen überströmt, die erste Flutwelle wurde für die Nacht zum Dienstag erwartet. Doch mehr als die zu großen Teilen etwas höher gelegene Hauptstadt müssen sich die Bewohner der südlich gelegenen Flussweiler vor den Wassermassen fürchten.

Schwer seufzend steigt Marianna Dubinska vom Deich in Gusin herab. Gestern sei ihr Vater verstorben, erzählt sie mit tonloser Stimme: "Wir konnten ihn nicht einmal zu Hause aufbahren, weil jederzeit das Haus unter Wasser stehen kann." Nichts sei vor dem Wasser noch sicher, weist sie auf das in die Obstwiesen stehende Wasser: "Ich habe Angst vor einem Durchbruch. Der Damm ist weich und leck. Doch die Männer haben getan, was sie tun konnten. Jetzt können wir nur noch warten." Solange das Wasser, das durch den Damm sickere, klar bleibe, sei nichts zu befürchten, so ihr Nachbar: "Doch wenn es gelb wird, hilft nur noch eins: wegrennen so schnell wie möglich."

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