Hochwasser : Flutkatastrophe in Bayern

Die heftigsten Regenfälle seit Jahren haben weite Teile Südbayerns in ein Chaos gestürzt. Zahlreiche Orte wurden von den Wassermassen überflutet und waren von der Außenwelt abgeschnitten.

München (23.08.2005, 17:45 Uhr) - Brücken wurden fortgerissen, Straßen und Bahnlinien waren unpassierbar. Mehrere Autobahnen mussten teilweise gesperrt werden, darunter die Inntalautobahn bei Kufstein. In mehreren Landkreisen herrschte Katastrophenalarm. Tausende Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW), Bundeswehr, Rotem Kreuz und Polizei sowie freiwillige Kräfte waren im Einsatz. Unterdessen bereiteten sich die Anrainer der Donau auf die Flut vor. Entlang des Stroms wurde für Mittwoch die höchste Meldestufe erwartet.

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesinnenminister Otto Schily (beide SPD) wollen sich über die Hochwasserlage in Bayern selbst ein Bild machen. Schily will am Mittwochmorgen dorthin fliegen und der Kanzler am Donnerstag kommen. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte am Dienstag den Flutopfern Hilfe zu. Die Staatsregierung wolle die betroffenen Gemeinden mit ihren Schäden nicht allein lassen, sagte er bei einem Besuch in Eschenlohe.

Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) sagte, die Flut drohe dramatischere Ausmaße anzunehmen als das Pfingsthochwasser 1999: «Wir haben gigantische Wassermassen.» Nach Einschätzung von Experten seien die Niederschläge bereits jetzt größer als vor sechs Jahren. «Wir sind noch am Hochrechnen, wie und wo die Hochwasserwelle in der Donau sich ausbreitet.» Eine mögliche Gefährdung Passaus hänge vom Pegel des Inn ab. Wegen Überschwemmungsgefahr begann das Bayerische Rote Kreuz die Evakuierung der Donau-Klinik in Neu-Ulm mit insgesamt 240 Betten.

Garmisch-Partenkirchen war von der Außenwelt abgeschnitten, das öffentliche Leben brach weitgehend zusammen. Die Kanker, die normalerweise als kleiner Bach durch Garmisch fließt, brach aus ihrem Bett aus, das Wasser ergoss sich die Hauptstraße hinab. Am Nachmittag ließen dort die Regenfälle nach. «Wir haben leicht rückläufige Wasserstände, die Wolkenschicht ist höher, es hellt auf», berichtete Wolfgang Olexiuk, Mitglied der Führungsgruppe Katastrophenschutz.

In Regensburg schwollen dagegen die Pegel an. Donau und Regen stiegen schneller als bei früheren Hochwassern, sagte ein Stadtsprecher. Noch sei die Lage aber entspannt. Es wurden Depots mit Sandsäcken eingerichtet, weil im Laufe des Abends mit der Überflutung der Uferstraßen gerechnet wurde.

Katastrophenalarm herrschte außer im Landkreis Garmisch-Partenkirchen auch im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, in Teilen des Landkreises Weilheim-Schongau, in Kempten, im Oberallgäu sowie in Augsburg. In der Stadt am Lech drohte eine Autobahnbrücke einzustürzen. Die Autobahn A 8 München-Stuttgart bei Augsburg war gesperrt. In beide Richtungen bildeten sich lange Staus, an den möglichen Umfahrungen herrschte Verkehrschaos. Eine weitere Brücke über die Wertach war ebenfalls wegen Einsturzgefahr nicht befahrbar. Die Autobahn A 95 München-Garmisch war ab Sindelsdorf wegen Überflutung dicht.

In Sonthofen wurden nach einem Dammbruch an der Iller in einem Haus zwei Menschen vom Wasser eingeschlossen. Sie wurden mit einem Polizeihubschrauber geborgen. Auf einem überfluteten Campingplatz wurden Wohnwagen weggeschwemmt. Bei Sicherheitskontrollen an einer Brücke wurde ein Bahnbeamter vom Hochwasser eingeschlossen. Auch er musste mit dem Helikopter gerettet werden. Höchste Alarmstufe herrschte in Kempten. Dort stieg das Hochwasser noch rund 14 Zentimeter über den Höchststand des Pfingsthochwassers.

Um ein Überlaufen des Sylvensteinspeichers zu verhindern, wurde dort Wasser abgelassen. In Bad Tölz wurden Evakuierungen erwogen. In Eschenlohe brach auf einer Länge von 50 Metern ein Damm. Helfer versuchten mit Sandsäcken, die Fluten in Schach zu halten. Bereits in der Nacht waren einzelne Häuser evakuiert worden, die Menschen wurden unter anderem in einer Kaserne untergebracht. Vielerorts gingen Muren ab, Erdrutsche verschütteten Straßen.

Teilweise fielen binnen 24 Stunden zwischen 100 und 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Auf der Mindelheimer Hütte im Allgäu wurden laut Wetterdienst Meteomedia rekordverdächtige 232 Liter gemessen, in Oberstaufen waren es 147 Liter und in Benediktbeuern 158. (tso)

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