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Hochwasser in Australien : Brisbane zittert vor der Wasserwand

Ein "Festland-Tsunami" stürzt im Nordosten Australiens Richtung Meer zur drittgrößten Stadt des Landes: Brisbane. In der Nacht zu Mittwoch hatte sich die Lage dramatisch verschärft. Leichte Entwarnung gab es am Mittwochvormittag.

Alexander Hofman[Sydney]
18. Januar: Auf die Fluten im Nordosten Australiens folgen neue Überschwemmungen. Diesmal ist der Bundesstaat Victoria betroffen. Die Innenstadt der 14.000-Einwohner-Stadt Horsham steht rund einen Meter unter Wasser.Weitere Bilder anzeigen
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13.01.2011 14:4118. Januar: Auf die Fluten im Nordosten Australiens folgen neue Überschwemmungen. Diesmal ist der Bundesstaat Victoria betroffen....

Leroy Shepard stand der Schrecken immer noch ins Gesicht geschrieben. „Es war kein gutes Gefühl, als die Dielen im Haus unter meinen Füßen zu wackeln anfingen. Und dann ist das ganze Haus wie ein Schiff auf eine Kreuzfahrt gegangen.“ Shepard gehört zu den Einwohnern des kleinen Örtchens Grantham, das am Dienstag aussah wie nach einem gewaltigen Wirbelsturm. Kaum ein Gebäude stand noch da, wo es vorher gewesen war, die meisten waren nur noch ein Haufen Gerümpel. Shepard kam mit dem Leben davon, weil er aus dem schwimmenden Haus gerettet wurde. Grantham war nur einer von mehreren Orten, die von der vollen Wucht der Sturzflut in Australiens Osten getroffen wurden.

Als „Festland-Tsunami“ wurde die meterhohe Flutwelle auch bezeichnet. Sie bewegt sich aus dem Landesinneren in Richtung Meer und bewegt sich auf Brisbane zu, die drittgrößte Stadt Australiens. Seit die Sturzflut am Montag Toowoomba verwüstet hatte, herrscht bei den Menschen in Brisbane Angst. Stetig steigt der Brisbane River, der sich schlangengleich durch das Zentrum der Metropole mit ihren zwei Millionen Einwohnern windet. Die Lage in der Millionenmetropole Brisbane verschärfte sich über Nacht dramatisch. Der Brisbane River schwoll noch weiter an, und die Stadtverwaltung rief Einwohner in den unmittelbaren Gefahrenzonen auf, in höher gelegene Gebiete zu flüchten. Das kommerzielle Leben ist praktisch zum Stillstand gekommen.

Zuletzt gab es einen kleinen Lichtblick für Brisbane: Das Hochwasser soll unter der zunächst befürchteten Marke von 5,5 Metern bleiben. Meteorologen revidierten ihre früheren Vorhersagen am Mittwochvormittag. Die Pegelstände sollen vielleicht sogar unter denen der verheerenden Überschwemmungen von 1974 bleiben. Damals kamen 14 Menschen ums Leben und tausende Häuser wurden überschwemmt. Die Regierungschefin von Queensland, Anna Bligh, erinnerte aber daran, dass Brisbane in der Zwischenzeit enorm gewachsen ist. „Das sind gute Nachrichten“, sagte sie. „Dennoch handelt es sich um eine schwierige Lage, denn die Stadt ist viel größer und hat viel mehr Einwohner und sie hat Stadtteile, die damals noch gar nicht existierten.“
   Die Behörden rechneten zuletzt mit den schlimmsten Überschwemmungen, die die drittgrößte Stadt Australiens je erlebt hat. Fast 20.000 Häuser dürften betroffen sein, schätzte Bürgermeister Campbell Newman. „Es gibt keinen Grund zur Panik“, versuchte Bligh die zwei Millionen Einwohner zu beruhigen. „Wir müssen jetzt zusammenhalten.“ Sie rief Menschen, die auf höherem Grund leben, auf, Flüchtlinge aufzunehmen. Nach Einschätzung des Krisenstabes der Landesregierung von Queensland wird der Fluss am Donnerstag seinen Höchststand erreichen.

Tausende Menschen verließen am Dienstag die bedrohte Innenstadt mit Bussen, Bahnen und Autos. In den bereits überschwemmten Vororten wurden hunderte Menschen aus der Luft gerettet. Der Hafen wurde geschlossen. Der Flughafen aber sollte, wenn möglich, in Betrieb bleiben. Behördenangaben zufolge könnten neben der Innenstadt mehr als 30 Vororte von der Flut betroffen sein. Niedrig gelegene Gebiete sollten evakuiert werden. Ein Einwohner Brisbanes berichtete von dramatischen Zuständen in den Geschäften: „An allen zwölf Kassen unseres Supermarkts stehen jeweils mindestens 50 bis 60 Menschen an.“ Alle Dinge des Grundbedarfs seien bereits ausverkauft. „Es gibt kein Brot, keine Milch, keine Batterien, keine Wasserflaschen und keine Kerzen mehr“, sagte er.

Die Sturzflut hatte sich am Montag 120 Kilometer westlich von Brisbane meterhoch vor der Stadt Toowoomba aufgetürmt. Die meterhohen Wassermassen schossen anschließend durch die Kleinstadt. Viele Einwohner mussten auf Dächern und Bäumen Zuflucht suchen. Der örtliche Polizeichef Bob Atkinson sagte, eine „wahre Wasserwand“ sei das Tal hinuntergestürzt. Mindestens zwölf Menschen starben, 67 werden noch vermisst, ie die Ministerpräsidentin des betroffenen Bundesstaates Queensland, Anna Bligh, sagte.

Toowoomba war am Dienstag von einer bräunlichen Schlammschicht überzogen, zerstörte Möbel und Ladeneinrichtungen stapelten sich auf den Bürgersteigen, überall fanden sich Spuren des nur Minuten langen „Frontalangriffs der Natur“. „Es sieht fürchterlich aus. So etwas hat hier noch nie jemand erlebt“, sagte Ratsmitglied Noel Strohfeld. Nicht weit von Toowoomba entfernt, rettete Rob Wilkin mehreren Menschen das Leben, weil er gerade sein Boot auf einem Anhänger transportierte, als die Wassermassen kamen. „Es stieg in nur zwei Minuten auf sieben Meter. Menschen klammerten sich in Baumkronen fest, manchen kauerten auf Autos, die weggeschwemmt wurden, ich konnte vier in mein Boot ziehen. Es war unglaublich“, beschrieb Wilkin die Szene.

Der Nordosten Australiens wird seit Ende November von Hochwasser heimgesucht. Die jetzige Katastrophe fällt mitten in die Haupturlaubszeit und die wichtigste Feriensaison – in Down Under herrscht jetzt Sommer. Australien ist auf Hochwasser nur ungenügend vorbereitet, normalerweise leidet der Kontinent eher unter lang anhaltenden Dürreperioden. Meteorologen führen die Unwetter auf das Wetterphänomen La Niña zurück, das Queensland das regenreichste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen bescherte. Seit Beginn des Hochwassers Ende November kamen mindestens 21 Menschen ums Leben. Ein Gebiet von der vereinten Größe Deutschlands und Frankreichs ist überschwemmt, drei Viertel von Queensland wurden zum Katastrophengebiet erklärt. Eine Entspannung der Lage ist vorerst nicht in Sicht. Die Meteorologen sagen weitere heftige Regenfälle voraus. (mit AFP/dpa)

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