Hochwasser : Neue Flutängste

Nach dem Abklingen der verheerenden Überschwemmungen am Alpenrand ist die Bedrohung durch die Wassermassen in anderen Teilen Bayerns am Donnerstag gewachsen.

München/Wien/Genf (25.08.2005, 19:54 Uhr) - Dagegen entspannte sich die Lage in Österreich und der Schweiz. Vielerorts begannen schwierige Aufräumarbeiten. Insgesamt kamen mindestens zehn Menschen in der Katastrophenregion ums Leben. Die Schäden gehen in die Millionen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) vereinbarten am Donnerstag eine Bund-Land-Arbeitsgruppe für rasche Hochwasserhilfen.

Anrainer von Isar und Donau kämpften in Bayern weiter gegen das Hochwasser. Helfer versuchten, Dämme abzudichten. Für die Region um das weltberühmte Kloster Weltenburg bei Kelheim gaben die Behörden Katastrophenalarm. In Regensburg wurden Uferstraßen überflutet. Tausende Keller liefen in der Krisenregion voll Wasser.

In Österreich konnten rund 1000 Urlauber, darunter hunderte Deutsche, den Ferienort Lech am Arlberg über eine provisorisch reparierte Straße verlassen. Sie waren zwei Tage lang vom Hochwasser eingeschlossen. An etlichen anderen Orten wurden Einheimische und Touristen weiter via Luftbrücke versorgt: Hubschrauber brachten Lebensmittel, Medikamente, Notstromaggregate und Satellitentelefone. Besonders betroffen waren das Paznauntal und die Urlaubsorte Ischgl, Galtür und Kappl.

Auch in der Schweiz entspannte sich die Lage. Die Pegelstände blieben nach Angaben der Behörden stabil oder gingen langsam zurück. Die Bergungs- und Räummannschaften, die seit dem Wochenende rund um die Uhr im Einsatz sind, sehen sich nun mit Bergen von Treibholz konfrontiert. Es muss schnellstens weggeräumt werden, sonst kann das Wasser nicht ablaufen. Im Kanton Schwyz rutschte am Mittwochabend eine Straße ab. Experten schlossen Erdrutsche nicht aus.

Bei der Fluttragödie starben in den vergangenen Tagen in Österreich vier und in der Schweiz fünf Menschen, in Bayern kam ein Mann bei einer leichtsinnigen Schlauchbootfahrt ums Leben. Ein Mensch wurden am Donnerstag in der Schweiz weiter vermisst.

Schröder und Stoiber vereinbarten die Arbeitsgruppe bei einem Treffen in München. Grundlage ist nach Angaben der Staatskanzlei das neue bayerische Sieben-Punkte-Hilfspaket. Das Paket sieht vor, dass Haushalte bei einem Gesamtschaden von mindestens 5000 Euro eine Soforthilfe von 500 Euro pro Person erhalten. Für Schäden an Straßen und Bahngleisen solle größtenteils nur der Bund aufkommen.

In der Arbeitsgruppe solle unter anderem der Finanzierungsanteil des Bundes für die Hilfsmaßnahmen geklärt werden. Ziel seien vergleichbare Lösungen wie beim Elbehochwasser 2002. Zuvor spitzte sich die Parteienkontroverse um den Katastrophenschutz zu. Stoiber wies erneut Kritik von Schröder am vorbeugenden Hochwasserschutz in Bayern zurück und warf dem Bund im Gegenzug vor, eigene Mittel gekürzt zu haben. Bundeskanzler Schröder informierte sich am Abend in Augsburg über das Ausmaß der Katastrophe.

Nach Auffassung von Umweltschützern ist die Flutkatastrophe in Süddeutschland eine Folge der Klimaveränderung. «Wir sind in Europa und im Alpenraum mittendrin im Klimawandel», sagte der Klimaexperte von Greenpeace, Karsten Smid. «Wer jetzt noch auf fossile Brennstoffe setzt, gibt dem Klima den Rest.» Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, machte ebenfalls die weltweite Klimaerwärmung für das neuerliche Hochwasser mitverantwortlich.

In vier bayerischen Landkreisen galt weiter Katastrophenalarm. Nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Umwelt wurden in Kelheim bis zum Abend Pegelstände der Donau von bis zu 7,30 Metern erwartet. Die Behörden fürchteten, dass das Wasser in die Kirche von Kloster Weltenburg eindringen könnte. Dort hatte Hochwasser schon in der Vergangenheit schwere Schäden angerichtet. Das Kloster gilt als das älteste in Bayern und lockt alljährlich rund 500 000 Gäste an. Bereits im Jahr 600 sollen sich dort Wandermönche niedergelassen haben.

Im Landkreis Erding an der Isar kämpften Einsatzkräfte gegen drohende Dammbrüche. Es sei das schwerste Hochwasser seit mindestens 40 Jahren, hieß es. In der Gemeinde Berglern arbeiteten 450 Helfer mit Hochdruck an der Sicherung eines Dammes. «Eine Evakuierung ist noch nicht vom Tisch», sagte die Sprecherin des Landratsamtes. Auch in Neustadt an der Donau drohte ein Deich zu brechen. Der Scheitel der Hochwasserwelle auf der Donau wurde Freitagabend erwartet.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) geht von hohen Millionenschäden in Bayern aus. «Leider rechnen wir heute schon mit einem mehr als dreistelligen Millionenbetrag der Schäden in Bayern als Folge des Hochwassers», sagte Trittin.

Bei den seit fast zwei Wochen andauernden Überschwemmungen in Rumänien stieg die Zahl der Todesopfer auf mindestens 31. Auch im Süden Polens waren nach schweren Regenfällen zahlreiche Straßen, Felder und Bauernhöfe in der Region Beskiden überschwemmt. Während sich die Hochwasserlage in Cieszyn (Teschen) leicht entspannte, war die Gemeinde Porabka in der Region Bielsko-Biala am Donnerstag vormittag von der Außenwelt abgeschnitten. (tso)

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