Hochwasser : Wie an Oder und Elbe

Das Hochwasser in den USA zieht flussabwärts – und bedroht viele kleine Orte. Entwarnung gibt es nicht.

Christoph von Marschall

WashingtonAmerikaner denken bei den Bildern aus Iowa, wo viele Städte im Wasser versinken, an die Zerstörung von New Orleans 2005. Für Deutsche liegt der Vergleich mit der Überschwemmung an der Oder 1997 und der Elbe 2002 näher. Das aktuelle Hochwasser bahnt sich einen Weg flussabwärts. An der US-Golfküste hatte Hurrikan „Katrina“ hohe Wellen in die Küstenstädte gedrückt und Deiche bersten lassen. Nachdem der Wirbelsturm und das begleitende Tiefdruckgebiet vorüber waren, sank der Pegel allmählich. Die Fluten liefen in den Golf von Mexiko ab. Sie hinterließen Häuser, die durch das Schmutzwasser verseucht unbewohnbar geworden waren.

Im Mittleren Westen ziehen die Fluten im Landesinneren weiter und bedrohen immer mehr Städte. Am Freitag lauteten die Namen Cedar Rapids und Des Moines, am Wochenende kamen Iowa City und Columbus Junction hinzu. Mitte dieser Woche werden die Hochwasser den Mississippi erreichen. Zunächst wird der mächtigste Strom der USA dort über die Ufer treten, wo der Iowa River und andere Zuflüsse aus dem Notstandsgebiet in ihn münden. Weiter südlich liegen die Millionenstädte St. Louis und Memphis am Weg, aber zuvor unzählige kleinere Kommunen mit weniger bekannten Namen: Burlington, Fort Madison, Keokuk, Quincy, Hannibal…

Dank des besonnenen Verhaltens der Anwohner gab es bisher keine Toten oder Schwerverletzten. Die Bilder der Zerstörungen flussaufwärts dienen den Menschen am unteren Lauf als Warnung, die Evakuierungsanordnungen ernst zu nehmen. Gleichwohl haben die Gemeinden mit enormen Problemen zu kämpfen. Die Wasserpegel erreichen zur Spitzenzeit gut zehn Meter über Normalstand. Selbst Wohnhäuser, Geschäfte und Fertigungsbetriebe, die als flutsicher galten, werden Opfer der Fluten. Die mit Industrieabfällen und Fäkalien verschmutzte Brühe bedroht das Trinkwasser, auch „trockene“ Viertel können kaum noch über das Leitungssystem versorgt werden. Hochwassergeprüfte ältere Anwohner sagen, die Überschwemmungen sprengten ihre Vorstellungskraft.

Vergleiche mit dem Elbhochwasser drängen sich auch im Verhalten der Politik auf. Die USA erleben ein Wahljahr wie Deutschland 2002. Damals punktete Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber, als er in Gummistiefeln Hilfe im Krisengebiet anbot. In den USA musste Präsidentschaftskandidat Barack Obama seinen Wahlkampfauftritt in Iowa flutbedingt absagen. Er griff in Quincy, Illinois, am Mississippi, zum Spaten und half vor laufenden Kameras, Sandsäcke zu füllen.

Jeden Tag werden die USA mit neuen Meldungen konfrontiert, wie weit die Folgen dieser „Jahrhundertflut“ reichen. Vermutlich verändern sie sogar die Lebensmittelpreise im Ausland. Iowa ist ein wichtiger Farmstaat und Hauptlieferant von Mais und Sojabohnen. Die diesjährige Ernte gilt als weitgehend verloren. Binnen weniger Tage hat sich der Maispreis fast verdoppelt: auf über sieben Dollar für ein „Bushel“ (25,4 Kilogramm). Vor drei Jahren hatte er zwischen zwei und drei Dollar gelegen. Dann kam der Ethanolboom, Mais wurde mit Regierungssubventionen zu Biosprit verarbeitet, der Preis für ein Bushel stieg auf vier Dollar – und Mittelamerika begann über eine „Tortillakrise“ zu klagen: Maisfladen, das Brot der armen Leute, wurde zu teuer, weil der Billigmais aus den USA ausblieb. Die Fleischpreise dürften ebenfalls steigen, weil Reste der Mais- und Ethanolproduktion zum Futtermix von Schweinen und Rindern gehören. Und Benzin wird nochmals teurer, wenn neben dem Preis für Rohöl auch der für Biosprit drastisch steigt.

In Columbus Junction, wo Cedar River und Iowa River sich vereinen, haben sie kurzfristigere Sorgen: Ein Damm droht zu brechen. Außerdem brennt ein Apartmenthaus, weil die Flut einen Kurzschluss verursacht hat. Die Wasserbetriebe sagen, der Vorrat reiche noch für 24 Stunden. Die Feuerwehr ordnete darauf an: Waschen verboten, damit eine Notreserve bleibt, falls es wieder brennt.

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