Welt : Hoffnung auf ein Fest

Die Christen im Nahen Osten wünschen sich mehr Freiheit – und fürchten mehr Gewalt

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Ostern ist das Fest der Hoffnung – viele Christen im Nahen Osten jedoch sind hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach mehr Freiheit und der Angst vor Chaos und Gewalt. In Libyen, wo weniger als 100 000 gläubige Christen leben, tobt inzwischen ein offener Krieg. In Syrien mit seinen gut zwei Millionen Christen hat der Volksaufstand gegen das Regime in den letzten vier Wochen bereits 220 Menschenleben gefordert. Und dennoch werden in der Osternacht wieder zehntausende in die Gotteshäuser strömen, in Damaskus, Latakia und Aleppo oder in Maalula, wo die Menschen noch aramäisch sprechen wie Jesus selbst.

Die Wurzeln des Christentums auf syrischem Boden gehen zurück bis in die Zeit Jesu, als Paulus von Damaskus aus seine Missionsreisen nach Kleinasien und Griechenland unternahm. In kaum einem anderen orientalischen Land existieren heute so viele verschiedene christliche Kirchen nebeneinander. Und in diesem Jahr fällt das Osterfest der orthodoxen und westlichen Kirchen auf den gleichen Tag, was nur alle drei bis fünf Jahre passiert – folgen doch die orientalischen Kirchen dem julianischen, die lateinischen Kirchen dem gregorianischen Kalender.

Dagegen sind Libyens Christen eine kleine Minderheit, von denen inzwischen bis auf wenige hundert Menschen alle vor den Bürgerkriegswirren geflohen sind. Die katholischen und evangelischen Gemeinden bestanden hauptsächlich aus afrikanischen und philippinischen Gastarbeiterfamilien sowie mit Libyern verheirateten westlichen Ehepartnern. Zu der griechisch-orthodoxen Kirche kamen vor allem russische, ukrainische und griechische Arbeiter, die auf den Megabaustellen Gaddafis arbeiteten. Bis auf Pfarrer Theofylaktos und ein Dutzend Getreue sind alle außer Landes.

Der katholische Bischof Giovanni Martinelli von Tripolis, der aus Italien stammt, gewährt in seiner Sankt-Franziskus-Kirche noch einer Handvoll schwarzer Familien Unterschlupf, um sie vor Übergriffen der Gaddafi-Milizen zu schützen. In seinen Gottesdiensten bittet er die Gemeinde, auch für die Menschen in Misrata und Bengasi zu beten. Zu Beginn der Karwoche veröffentlichten die Gemeinden von Tripolis eine gemeinsame Erklärung und forderten einen sofortigen Waffenstillstand. Dialog sei die einzige Möglichkeit, den mörderischen Konflikt zu beenden, heißt es in dem Text. Ihr Osterfest aber wollen die wenigen Zurückgebliebenen trotzdem feiern. Und sie sind sicher, dass ihre Gemeinden die Krise überstehen werden. „Die Kirche ist nicht meine persönliche Einrichtung“, sagt Bischof Martinelli, der seit dem Putsch Gaddafis 1969 in Libyen als Seelsorger arbeitet. „Die Kirche ist Gottes Werk. Und ich bin hier lediglich im Namen Gottes.“

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