Welt : Hoffnung aus dem Reagenzglas

Deutsche Forscher sehen einen Weg zur Heilung von Aids – ein Medikament aber wird es frühestens in zehn Jahren geben

Bas Kast

Berlin - Viren sind üble Zeitgenossen, besonders übel und trickreich aber ist das Aidsvirus: Es bahnt sich seinen Weg bis in unser Innerstes, kämpft sich vor bis in unser Erbgut – und setzt sich dort fest. Und das tut es ausgerechnet im Erbgut jener Zellen, die für unsere Immunabwehr zuständig sind. Das Aidsvirus greift somit unser Abwehrsystem im Kern an, und bislang ist es trotz jahrzehntelanger und weltweiter Anstrengungen nicht gelungen, ein Medikament zu entwickeln, das das Virus wieder aus dem Kern, aus dem Erbgut also, hinausbekommt.

Nun haben Forscher aus Hamburg und Dresden just einen solchen Weg gefunden. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden am Freitag im US-Fachblatt „Science“ publiziert. Die Wissenschaftler sprechen von einem „biotechnologischen Durchbruch“, schränken jedoch zugleich ein: Bis zur Entwicklung eines Medikaments brauchte man noch mindestens zehn Jahre.

Wenn das tatsächlich gelingen sollte, wäre es auch ein großer medizinischer Durchbruch. Denn herkömmliche Aidsmedikamente greifen das Übel nicht an der Wurzel an: Sie befreien die Immunzellen nicht vom Virus, sondern dämmen nur dessen Vermehrung mehr oder weniger gut ein. „Wir wurden das Virus in den Zellen wieder vollkommen los“, sagt dagegen Joachim Hauber vom Hamburger Heinrich-Pette-Institut, der an der Studie beteiligt war. „Das hat bisher noch keiner geschafft.“

Der Ansatz der Forscher funktioniert folgendermaßen: Es gibt bestimmte Enzyme, Rekombinasen genannt, die wie eine Schere die DNA durchschneiden und neu zusammensetzen können. Diese Rekombinasen sind hoch spezifisch – eine Rekombinase zerschnippelt nicht wahllos unser Erbgut, sondern ist auf ganz bestimmte Buchstabenfolgen der DNA eingestellt. Nur wenn eine Rekombinase „ihre“ Sequenz erkennt, macht sie einen Schnitt. Damit ist sie „ein fantastisches Werkzeug für die präzise DNA-Chirurgie“, wie der Dresdner Max-Planck- Forscher Frank Buchholz sagt. Buchholz hat in zweijähriger Arbeit Rekombinasen „gezüchtet“, die gezielt das Aidsvirus aus dem Erbgut einer Zelle schneiden. „Das ausgeschnittene Erbgut wird dann von der Zelle abgebaut“, sagt sein Hamburger Kollege Hauber. „Der Zelle geht es wieder gut.“ Im Labor dauerte es etwa drei Monate, um infizierte Zellen vollständig vom Virus zu befreien.

Bei alledem handelt es sich jedoch um reine Laborversuche an einzelnen Zellen – und der Weg vom Reagenzglas zum Patienten ist erfahrungsgemäß ein langer. Bis dahin gibt es noch zahlreiche Hindernisse zu überwinden. Das größte Problem: die molekulare Virenschere dorthin zu bekommen, wo sie schneiden soll, also in die kranken Immunzellen.

Man kann nämlich nicht einfach eine Pille mit Rekombinasen schlucken, die sich dann von ganz alleine ihren Weg in die infizierten Immunzellen bahnen. Eine Möglichkeit aber wäre, Stammzellen aus dem Blut des Patienten zu gewinnen, diese im Labor von den Viren zu befreien, um sie dann wieder zurück in den Patienten zu schleusen, wo sie sich zu gesunden Immunzellen entwickeln und so die kranken ersetzen. Die Forscher werden dies in den nächsten zwei, drei Jahren im Tierversuch testen. Selbst wenn das klappen sollte, könnte man zwar auch mit dieser Technik nicht sämtliche Zellen des Körpers vom Virus befreien – aber schon eine Teilentfernung wäre ein großer Schritt auf dem Weg zur Heilung.

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