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Holland in Strom-Not : Zentrum der Niederlande steht still

Nichts geht mehr: Kein Zug, keine Metro, kein Telefon, kein Computer. Ein kleiner Defekt legt das Herz der Niederlande rund um Amsterdam und Utrecht lahm. Und die Holländer? - Sehen alles gelassen.

Der internationale Flughafen von Amsterdam am Freitagvormittag: Notstrom und besorgte Fluggäste.
Der internationale Flughafen von Amsterdam am Freitagvormittag: Notstrom und besorgte Fluggäste.Foto: dpa

„Wat nu?“ sagte der Zeitungshändler Geert entgeistert, als das Licht ausfiel. „Auch das noch.“ Sein Laden im Süden von Amsterdam war dunkel, die elektrischen Türen gingen nicht mehr auf. Draußen auf der Ferdinand-Bolstraat quietschte die Straßenbahn ein letztes Mal und blieb abrupt stehen. Autos hupten wild - die Ampeln waren ausgefallen. Es war 9.40 Uhr, und der Freitag wurde für viele Holländer zum schwarzen Tag. Ein Defekt in einer Hochspannungsstation in Diemen bei Amsterdam war der Auslöser des großen Stromausfalls in Teilen der Region Holland.

Die Ursache ist auch für Stromnetzbetreiber Tennet ein Rätsel. Nach gut einer Stunde war zwar alles repariert - doch bis zum Abend waren die Folgen zu spüren. Es dauerte Stunden, bis der Strombetrieb im Ballungsgebiet um Amsterdam, Utrecht sowie im nördliche Flevopolder wieder normal lief.

Ein kleiner Defekt legte ein Land faktisch lahm. Über eine Million Haushalte waren betroffen. Züge stoppten auf offener Strecke. Drei Stunden lang saß etwa Bernhard fest. „Zum Glück ist es warm und das Internet funktioniert“, twitterte er munter. Da hatte er Glück. Denn in weiten Teilen der Region war auch das Mobilfunknetz ausgefallen.

Die Feuerwehr befreite Dutzende Menschen aus Fahrstühlen. Über dem internationalen Flughafen Amsterdam Schiphol drehten Dutzende Flugzeuge ihre Runden - sie konnten nicht landen. Krankenhäuser, Radio und Fernsehen stellten den Betrieb auf Notstromaggregate um.

Ratlose Fahrgäste

Das große Chaos herrschte aber auf der Schiene. Den ganzen Tag über ging nichts mehr. Am Hauptbahnhof Utrecht starrten Tausende Passagiere ratlos auf die Informationstafeln, die stundenlang nur eines zeigten: „Zur Zeit ist kein Zugverkehr nach Amsterdam möglich.“ Vor den Schaltern standen lange Schlangen. Panik kam vor allem bei ausländischen Geschäftsleuten und Touristen auf. „Wie komme ich zum Flughafen?“ fragten sie hilflos immer wieder. Dort aber war die Lage auch nicht viel besser. Dutzende Flüge wurden annulliert.

Die meisten Leute aber blieben gelassen - typisch holländisch: „Niets aan te doen“ (Nichts zu machen), was aber so viel heißt wie: Was soll's, das kann ich doch nicht ändern. Es blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig. In diesem Jahr war es der dritte große Stromausfall allein in Amsterdam.

Ein junger Mann setzte sich ans Klavier in der Bahnhofshalle. Ein anderer stellte sich dazu mit seiner Gitarre. „Ich hab doch nichts anderes zu tun“, sagte er im niederländischen Fernsehen. Der Blackout legte aber die Verletzlichkeit des Landes offen. Denn diese Region ist das wirtschaftliche Herz des Landes. Dort ist der internationale Flughafen, das Finanzzentrum, alle landesweiten Medien sitzen hier. Und Utrecht ist der zentrale Knotenpunkt für den gesamten Zugverkehr des Landes.

Kein Wunder, dass nun auch die Politik alarmiert ist. Das Parlament in Den Haag forderte Garantien für die Stromversorgung. Justizminister Ard van der Steur versprach eine umfassende Untersuchung. „Wir müssen verhindern, dass so etwas noch einmal passiert.“ Die meisten Niederländer nahmen es jedoch mit Humor. „Schade“, sagte der 42 Jahre alte Unternehmer Jeroen, als auf einmal in Amsterdam die Ampeln und das Licht in den Schaufenstern wieder angingen. „Es war so schön ruhig im Büro.“ (dpa)

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