Welt : Honduras: Ein Schiff für 90 000 Menschen

Alex Krämer

Eine Wohnung mit Blick auf alle Weltmeere, im Februar auf den Pazifik, im April auf den Atlantik und im nächsten Februar dann auf den Indischen Ozean - diesen Traum will die Firma Freedom Ship International für die Bewohner ihrer schwimmenden Stadt verwirklichen. Sie plant das größte Schiff der Welt - mit Flughafen, U-Bahn, Einkaufs- und Vergnügungszentren und Wohnungen für Tausende von Menschen.

Ein Traum? Ein Albtraum? Die Regierung in Honduras, wo die US-Firma die schwimmende Stadt bauen will, hat in der vergangenen Woche schon einmal die Genehmigung erteilt. Der Bau soll nach Auskunft des Unternehmens in den nächsten sechs Monaten beginnen. Allerdings war das in der Vergangenheit schon öfter angekündigt worden. Bis zum endgültigen Start müssen noch mehr Reservierungen vorliegen. Vielleicht bleibt das Projekt nur ein Traum.

Auf jeden Fall hat dieser Traum eine Dimension, die den einen schwärmen, den anderen erschaudern lässt. Beruhigend ist, dass die Firma zusichert, dass es für alle Menschen genügend Schwimmwesten geben wird. Und dass auch Kollisionen mit einem Eisberg eher glimpflich verlaufen sollen. Die Sprecher des Unternehmens bemühen sich, Vergleiche mit der Titanic abzuwehren. Das hat auch einen sachlichen Grund: Die "Titanic" ist ein Zwerg gewesen im Vergleich zu dem, was hier an Gigantomanie geplant ist.

Die Menschen werden auf dem Schiff nicht nur Ferien zubringen, sondern sie werden dort leben, zusammen mit 50 000 anderen, die es sich auch leisten können, hier eine Wohnung zu kaufen. "Dazu kommen dann 15 000 Angestellte und etwa 25 000 bis 30 000 Tagesbesucher und Hotelgäste, so dass immer etwa 90 000 Menschen auf dem Schiff sein werden", sagt Peter Banas von Freedom Ship. Die "Freedom" soll ohne Unterbrechung unterwegs sein und langsam um die Welt fahren. Eine Umrundung wird etwa zwei Jahre dauern.

Mit dem Bau der schwimmenden Stadt wird eine Entwicklung auf die Spitze getrieben, die es in Amerika schon lange gibt: Abgeschottete Siedlungen für Reiche, die weit weg vom Verbrechen und den Problemen in den Städten leben wollen. "Gated Communities" werden solche Gemeinden genannt. Ursprünglich planten die Entwickler der "Freedom", wie das Schiff heißen soll, eine unbewohnte Insel der Bahamas zu einem Domizil für Wohlhabende auszubauen. Als in dem Inselstaat die Regierung wechselte, zerschlug sich das Projekt, und die Idee der schwimmenden Stadt entstand.

Der Luxusliner, wenn er denn gebaut wird, stellt alles in den Schatten, was die Weltmeere befährt: Er ist mehr als 1 300 Meter lang, 220 Meter breit und 103 Meter hoch. Mehr als 10 000 Menschen sollen am Bau beteiligt sein. "Wenn wir nächsten Sommer beginnen und dann rund um die Uhr arbeiten, können im Sommer 2004 die ersten Leute einziehen", sagt Banas. Das Management von Freedom Ship rechnet mit Kosten von 8 Milliarden US-Dollar für den Bau.

Die "Freedom" soll nach dem Willen der Unternehmer nicht zu einer Residenz für Rentner werden, sondern zu einer richtigen Stadt. Für diejenigen, die mit ihrer ganzen Familie einziehen wollen, gibt es Schulen, auf denen die Kinder ihren College-Abschluss machen können. Ein großer Teil der Decks ist Geschäftsflächen vorbehalten. Auch Büros sind geplant. Damit die Geschäftsleute schnell zu ihren Kunden kommen, wird es auf dem oberen Deck des Schiffes eine Landebahn für kleine Flugzeuge, die bis zu 40 Passagiere aufnehmen können, geben.

Parks auf mehreren Ebenen, Promenaden und Sportmöglichkeiten von Golf bis Tennis sollen bewirken, dass den verwöhnten Bewohnern die Enge an Bord nicht so auffällt. Denn auch wenn es das größte Passagierschiff der Welt wird: 1 350 auf 220 Meter Grundfläche, das entspricht in etwa dreißig Fußfallfeldern. Auch wenn man das Ganze noch mit den 25 Stockwerken multiplizieren muss - viel Platz ist nicht. Auch auf dem längsten Rundweg kommt man nach etwas mehr als vier Kilometern wieder an der gleichen Stelle vorbei.

Immerhin sind die Entfernungen aber so groß, dass eine U-Bahn die einzelnen Abschnitte des Schiffes verbinden soll. Ansonsten werden Fahrräder das Hauptfortbewegungsmittel sein. Wenn es einen Schiffsbewohner stört, dass er nicht mehr mit seinem Auto zeigen kann, was er hat, gibt es Ausweichmöglichkeiten: Private Boote und Flugzeuge dürfen mitgebracht werden.

Bisher lässt sich das Projekt nach Auskunft von Peter Banas recht erfolgreich an: "Für etwa ein Drittel der Wohnungen haben wir schon Reservierungen", sagt er. Die "Economy Unit", knapp dreißig Quadratmeter ohne Meerblick, ist für etwa 250 000 Mark zu haben. "Aber bisher verkaufen sich die teuren Wohnungen mit Blick aufs Meer besser", erzählt Banas. Die teuerste Wohnung, mit besonders viel Meerblick und 460 Quadratmetern kostet mehr als 15 Millionen Mark. Schwimmwesten inbegriffen.

Denn auch wenn die "Freedom" als sehr sicher gilt - das Wort "unsinkbar" will Peter Banas lieber nicht in den Mund nehmen. "Wir bewegen uns mit dem Schiff schließlich in der Natur, und da weiß man nie", sagt er. Auch für 100 000 Menschen stünde ausreichend Rettungsausrüstung bereit.

Doch wer weiß, ob die gebraucht wird. Vielleicht wird das Projekt versenkt, lange bevor die ersten Schiffsplanken zusammengeschraubt werden.

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