Welt : Houston: Wir haben kein Problem

Der Start der Raumfähre „Discovery“ wird im Johnson Space Center überwacht – ein Blick hinter die Kulissen

Ingo Wolff[Houston]

Die Show findet mal wieder woanders statt. Daran haben sich die Mitarbeiter des Lyndon B. Johnson Space Centers der Nasa in Houston längst gewöhnt. Wenn heute die Raumfähre Discovery um 10 Uhr 39 (16 Uhr 39 MESZ) von der Erde abhebt, gehen wieder mal nur die Bilder vom John F. Kennedy Space Center in Florida um die Welt. Dabei ist es doch das Kontrollzentrum in Houston, das einen großen Anteil an diesem Weltraumabenteuer hat. Hier wurden die Astronauten ausgebildet, hier wird der Flug überwacht und im Notfall kommen von hier die Anweisungen für eine Rettungsaktion.

Den Stolz und auch die Anspannung merkt man auf dem Nasa-Gelände jedem Mitarbeiter an. Zwei Jahre nach der Explosion der „Columbia“ ist dieser Start die Rückkehr ins Weltall und der Auftakt für die Mission: Mensch auf dem Mars. Die Mitarbeiter freuen sich auf den Start und jeder gibt freundlich Auskunft über jedes Detail. Die Skepsis ist relativ gering. Alle sind froh, dass die Nasa den ersten Startversuch vor eineinhalb Wochen doch noch abgebrochen hat. Viele auf dem Gelände hatten einen Tag vor dem ersten Startversuch ein wenig Sorge, dass das Problem mit der defekten Außenkachel zum Wärmeschutz beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre nicht so ernst genommen würde. Für den heutigen Start sagt Houston aber: Wir haben kein Problem.

Viele hatten die Bilder vom 1. Februar 2003 vor Augen. Schon einmal musste Houston hilflos mitansehen, wie ein Space Shuttle von den Bildschirmen verschwand. Damals explodierte direkt über Texas die Raumfähre „Columbia“. Alle sieben Astronauten an Bord verloren ihr Leben. Auch an den 28. Januar 1986 wird an vielen Stellen auf dem Johnson Space Center erinnnert. Damals war die Raumfähre „Challenger“ wenige Sekunden nach dem Start wegen eines Lecks im Treibstofftank explodiert. Sieben Männer und Frauen starben vor den Augen ihrer Angehörigen und den Augen der Mitarbeiter im Kontrollraum in Houston.

Doch auf eines sind sie in Houston auch auffallend stolz. Dass ihr Städtename das erste Wort war, das ein Mensch vom Mond gesprochen hat. „Houston – Tranquillity Base hier – der Adler ist gelandet.“ Neil Amstrongs Worte hallten am 21.Juli 1969 vom Mond durchs All direkt in das Kontrollzentrum in der texanischen Metropole und von dort weltweit in rund eine Milliarde Fernseh- und Radiogeräte. Die USA hatten den Mond erreicht und in Houston feierten Techniker, Ingenieure und US-Präsident Lyndon B. Johnson die Eroberung des Weltalls. Er hatte in der ersten Reihe der Besuchergalerie wie alle anderen Augenzeugen in einem roten Plüschsessel Platz genommen. Bis der Adler gelandet war und alle jubelnd aufsprangen. In den darauffolgenden Jahren haben in diesen roten Sitzreihen auch König Elisabeth II., Schauspieler Tom Hanks vor seinem Film „Apollo 13“ und andere Prominente Platz genommen. Teilweise – wie Sprecher betonen – im Rahmen einer normalen Tour über das Gelände.

Die Worte von Amstrong hallen noch heute über das Gelände am südlichen Stadtrand von Houston. Allerdings nur noch aus quietschigen Lautsprechern. Eine Bimmelbahn rauscht zwischen alten Raketen, riesigen Werkhallen und gedrungenen Bürobauten direkt zum Herzstück der Anlage. In einem Bürohaus ist es untergebracht: der Überwachungsraum für alles, was mit einem Weltraumabenteuer der US-Raumfahrtbehörde zusammenhängt. Auch mehrere hundert Missionen nach dem ersten Flug ins All wird jeder Start, jeder Weltraumspaziergang, jedes Andockmanöver an die internationale Raumstation ISS und jede Landung von hier aus kontrolliert. Für den Notfall ist das Space Shuttle und die ISS in einer riesigen Halle nachgebaut und das Bodenpersonal kann unter realistischen Bedingungen und mit Originalteilen jede Situation nachstellen.

Genau genommen ist es nicht nur ein Kontrollraum. Es gibt zwei. Den alten, von dem aus das All und der Mond erobert wurde, und ein neuer, von wo aus auch der heutige Start der Discovery überwacht wird. Der alte Raum ist heute für Besucher zugänglich, der neue aus Sicherheitsgründen nicht. Nur mit Sondergenehmigung kann man einen Blick auf die vielen Monitore und die angespannten Mitarbeiter erhaschen. Der Raum befindet sich aber im selben Haus. Doch die Stimmung dort unterscheidet sich nicht viel von der von den tausenden Mitarbeitern draußen. Alle sind freudig angespannt. Sie alle sind ein Teil der Mission.

Noch ein weiteres Mal rückte das Kontrollzentrum in die Ohren der Weltöffentlichkeit, und ein Satz wurde zum geflügelten Wort für eine Panne: „Hey Houston, wir haben ein Problem.“ Apollo 13 hatte das Bodenzentrum am 14. April 1970 angerufen, weil die Astronauten kurz nach Beendigung der Live-Fernsehübertragung einen Knall hörten und kurz darauf der Energieverlust an Bord der Odyssee bedenklich wurde. Die drei Astronauten stiegen damals um in die noch funktionierende Mondfähre Aquarius und gelangten mithilfe des Kontrollraums in Houston sicher zur Erde zurück.

Rund 50 Mitarbeiter überwachen ab heute in drei neunstündigen Schichten den Raumflug. Sie hoffen auf eine erfolgreiche Rückkehr ins All.

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