Welt : Hugh Hefner: "Picasso hat eine blaue, ich eine blonde Periode"

Mario Vigl

Wenn er kommt, trennen sie ihm auf der Tanzfläche einen kleinen Bereich ab wie einen Boxring. Dort schüttelt er sich zu HipHop-Musik, umgeben von Frauen, die er mitgebracht hat. Es sind seine Freundinnen, sieben an der Zahl, allesamt blond und mit den Anwendungsmöglichkeiten von Silikon bestens vertraut. Die älteste ist 47 Jahre jünger als er. Das ist selbst für Los Angeles eine sehr coole Show: Sieben Pamela-Anderson-Klone huldigen verzückt einem alten Mann. Die Discobesucher, Zwanzigjährige mit Baseballkappen, johlen ihm zu. Er genießt das. Er wird am Montag 75 Jahre alt.

"Ich bin der glücklichste Mann der Welt", sagt Hugh Hefner. Er sitzt im lila Seiden-Pyjama in der Bibliothek seiner Villa in Los Angeles. Hier pflegt er seine Gäste zu empfangen. Die Gesichtshaut schön straff wie bei einem 50-Jährigen; er gibt nur zu, sich den Hals geliftet zu haben. Nebenan sein privater Kinosaal mit den schweren Ledersofas. Draußen füttern Mitarbeiter die teuren japanischen Zierfische und die putzigen Äffchen im eigens angelegten Regenwald-Privatzoo. Ein Hase hoppelt über den Rasen - ein echter. Seine berühmten Bunnys kommen regelmäßig am Sonntagnachmittag - zur "Oben-ohne-Gesundheitsparty". Und wenn Hugh Hefner zu einer richtigen Party lädt, dann kommt halb Hollywood: Leonardo DiCaprio, Cameron Diaz, Ben Stiller und Elisabeth Hurley vergnügten sich zuletzt im Pool und den unterirdischen Badegrotten. "Leonardo sagte mir, es sei schon immer eine persönliche Fantasie von ihm gewesen, nachts um drei in der Grotte der Playboy-Mansion zu baden", sagt Hefner, "den Traum hat er sich erfüllt."

Das eigene Haus als Sehnsuchtsort der Stars - dann hat man es wohl geschafft. Und dann gibt es ja noch die sieben Freundinnen, wegen derer Hefner sich sein Bett vergrößern ließ, so riesig, dass sie darin bequem zu Abend essen können, alle acht. "Ich verwechsle manchmal ihre Namen", sagt er, und trotzdem vergöttern sie ihn. Das Leben als immer währender Männertraum? Tagsüber sei es in der Villa allerdings ein bisschen wie bei ihrer Großmutter, verriet eine der Frauen "Vanity Fair". Ein paar von ihnen waren schon im "Playboy" zu sehen, die anderen wollen es gerne. Hefner entscheidet noch immer jeden Monat, welche Frau sich für den US-"Playboy" als Playmate auf den ausklappbaren Mittelseiten ausziehen darf.

Ob die Frauen mit Hef neben einer großen Schale Viagra wirklich jede Nacht Sex haben, wie er gerne erzählt? Hauptsache, es sieht so aus. Das Image muss stimmen, die Oberfläche muss blitzen und blinken. Er wurde reich und berühmt damit, solche Oberflächen zu verkaufen. 1953 gründete Hefner den Playboy, und gleich auf der ersten Ausgabe zeigte er Marilyn Monroe, nackt. Das erste Heft hatte gar keine Nummer, weil Hefner nicht daran geglaubt hatte, dass es eine zweite geben wird. Aber der Playboy wurde mehr als ein Erfolg: ein Imperium. Weltweit werden heute nach Verlagsangaben jeden Monat vier Millionen Exemplare verkauft. Die deutsche Ausgabe verkaufte sich im März - mit dem nackten Big-Brother-Sternchen Alida - 300 000 Mal, 45 000 davon im Osten. Zielgruppe sind seit jeher freilich die Machos, aber solche mit gehobener Lebenskultur und einem entsprechenden Bankkonto.

Der wirtschaftliche Erfolg des Magazins beruht vor allem darauf, dass die Werbe-Industrie dort edle Alkoholika, schicke Autos, Segelyachten und raffinierte Duftwässer anpreisen kann - was der Mann von Welt halt so für sein Imponiergehabe braucht. Doch den "Playboy", den längst die Hefner-Tochter Christie dirigiert, schmückten immer bekannte Autoren und prominente Interview-Partner. Der Verzicht auf echten Porno macht es dem Magazin allerdings zunehmend schwer, im Internet-Geschäft mitzuhalten, wo harter Sex gefragt ist. Dort macht der Playboy große Verluste. In Fernsehshows empfing Hefner von 1959 an Stars und Starlets, 1960 eröffnete in Chicago der erste Playboy-Club, dem weltweit 30 weitere Nachtclubs und Casinos folgten. Zehn Jahre später ließ sich Hefner eine DC-9 zum Privatjet mit Bett und Badewanne umbauen: den "Big Bunny", ganz in schwarz, auf der Heckflosse das berühmte Hasen-Logo - heute noch das viertbekannteste Markenzeichen der USA. Es ging aber nicht immer nur nach oben für Hefner.

Schon 1963 verhaftete ihn die Polizei in Chicago wegen der "Verbreitung obszöner Inhalte". Doch das stoppte seinen Erfolg nicht. Erst als 1981 Ronald Reagan Präsident wurde, kam der Playboy-Konzern ins Straucheln. Die Regierung stempelte das Heft als Pornografie ab und verbot den freien Verkauf. Dazu kam Aids: Sex war plötzlich etwas Furcht erregendes. Die Auflage fiel von sieben auf 3,5 Millionen. "Es war eine Hexenjagd", erinnert sich Hefner, "die 80er Jahre waren die schlimmste Zeit für mich."

Da konnte ihn auch nicht trösten, dass Forscher 1984 eine neu entdeckte südamerikanische Kaninchenart nach ihm benannten: das Sylvilagus palustris hefneri. Die Playboy-Clubs schlossen nach und nach ihre Pforten, er verlor seine Casino-Lizenzen. 1985 zeigte all dies Wirkung: Er erlitt einen Schlaganfall. Hugh Hefner war am Boden - wirtschaftlich, gesundheitlich, menschlich. Da erschien ihm sein "Playmate des Lebens", wie er sie nannte, Kimberley, ein "Sonnenschein, der hinter dunklen Wolken auftauchte". Er heiratete sie 1989, nicht ohne zu betonen, dass er nun "der glücklichste Mann der Welt" sei. Kimberley machte den Playboy zum Hausmann, gebar ihm rasch zwei Söhne und verfügte, dass die flotten Oben-ohne-Partys in der Mansion zu Bällen mit hochgeschlossenen Abendroben wurden. Hugh Hefner fühlte sich plötzlich sehr alt.

Die überraschende Wende brachten die kleinen blauen Pillen: Nach acht sehr ruhigen Jahren mit Kimberley - "Sex war in unserer Beziehung ohne Bedeutung" - trennte er sich im Frühjahr 1998 von seiner Frau, exakt zu dem Zeitpunkt, als Viagra auf den Markt kam. "Das Timing hätte kaum besser sein können", sagt Hefner, "ich bekam mein erstes Rezept zu meinem 72. Geburtstag." Es folgte seine "blonde Periode". "Picasso hatte seine blaue Periode, ich nun meine blonde", sagte er. Er scharte zwei eineiige Zwillinge um sich, fügte zwei weitere Mädchen dazu, bis er im Winter 2000 die "sieben Blondies" rekrutierte.

In den sechziger Jahren hatte Hefner mit dem Wagnis Playboy im prüden Amerika für die sexuelle Revolution gekämpft, nun machte er sich zum Helden aller grauen Panther.

Die Botschaft seiner bizarren Inszenierung: Auch Rentner können 22-jährige blonde Models als Freundin haben. "Ich benutze Viagra jede Nacht", sagt Hefner. "Aber um ein guter Liebhaber zu sein, muss man vor allem gut zuhören können." "Außerdem sollte man in seinem Alter genug Geld haben, um die Einkaufs-Rechnungen der Mädchen bezahlen zu können." Hefner fliegt mit den sieben Blonden nach Las Vegas, will mit ihnen nach Cannes zu den Filmfestspielen. Es ist harte Arbeit, der glücklichste Mann der Welt zu sein.

Nie will er ohne schöne Frauen sein: Auf dem Westwood-Friedhof in Los Angeles hat er den Grabplatz neben Marilyn Monroe gekauft.

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