Humor in der DDR : Die zarte Pflanze der Zersetzung

"Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Orgasmus? Im Sozialismus stöhnt man länger" – Witze und Humor in der DDR.

Anna Corves
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Was von der DDR übrig bleibt – ein Nummernschild. „Käfer“, Baujahr 1946, im ehemaligen Grenzgebiet. Foto: dpadpa

Auch in diesem Jahr findet wieder das Festival des politischen Witzes statt. 1. Preis: Zehn Jahre Winterurlaub in Sibirien …

Klar, es gab nicht nur den politischen Witz in der DDR. Auch banale, zotige Witze erfreuten sich wie in jedem Land großer Beliebtheit, Kalauer, bei denen die Lachmuskeln arg bemüht werden mussten. Es gab noch gesamtdeutsche Witze, die bereits seit Jahrzehnten kursierten oder auch sogenannte „Wanderwitze“; die aus der Sowjetunion und Osteuropa importiert wurden. Russen waren ein beliebtes Thema, Polizisten auch. Aber schnell landete ein harmlos anmutender Witz in der Grauzone des Politischen.

Warum ist der Trabi lackiert? Damit er bei Regen nicht einläuft.

Denn reichhaltigster Quell des Witzes war das Leben in der DDR selbst. Das simple Beschreiben des Alltags wurde zur Groteske, die sich aus dem Widerspruch zwischen sozialistischer Ideologie und sozialer Praxis oder der Mangelwirtschaft speiste. Solche Witze wurden auch erstaunlich unbekümmert erzählt, ob in der Datsche, dem Volkseigenem Betrieb oder am Ostseestrand. Obwohl eigentlich Vorsicht geboten war, verstand doch die SED keinen Spaß. Der zu kesse Spruch zum falschen Gegenüber konnte nach §106 des Strafgesetzbuches – „staatsfeindliche Hetze“ – mit mehreren Jahren Zuchthaus enden, weiß Karl-Heinz Borchardt, der zum politischen Witz in der DDR forscht. Besonders streng wurde das in den 50er-/60er-Jahren geahndet.

Was ist ein 08/15-Witz? Ein politischer Witz, den man in 8 Sekunden erzählt hat und dann 15 Jahre dafür sitzen muss.

Denunzianten subversiver Witze gab es viele, sogar aus dem November 1989 ist noch ein Fall dokumentiert.

Es gibt Leute, die Witze erzählen, es gibt Leute, die Witze sammeln und Witze erzählen, und es gibt Leute, die Leute sammeln, die Witze erzählen.

Eckart Schörle, Historiker und Lachforscher, betont die verschiedenen Räume, in denen Humor zum Ausdruck kam. Im privaten Rückzugsraum, unter Freunden habe Humor eine identitätsstiftende Wirkung gehabt. „Geteilte Anspielungen, eine bestimmte Art von Situationskomik, zum Beispiel, wenn man zusammen den ‚Schwarzen Kanal’ geschaut hat, das war durchaus gruppenbildend.“ Da man sich seiner Zuhörer aber nie richtig sicher sein konnte, habe man eher „kastrierte Witze“ gepflegt, wie Schörle sie nennt. Durchaus versehen mit feinen Anspielungen, denn Witze-Erzählen diente auch als Test, als vertrauensbildende Maßnahme. Lachte der neue Kollege mit?

In einem Zuchthaus fragt ein Häftling den anderen nach dem Grund seiner Verurteilung. „Weil ich zu faul war.“ – „Sabotage?“ – „Nein. Ich hatte mit einem Kollegen über Politik gesprochen und dachte, es hätte bis zum nächsten Morgen Zeit, ihn bei der Stasi anzuzeigen. Er war schneller.“

Daneben gab es den staatlich verordneten Humor: institutionalisiert, instrumentalisiert und ideologisiert. In den 50er-Jahren, nach dem Volksaufstand vom 17. Juni, fand die DDR-Führung, dass sie ihrer Bevölkerung etwas Witziges anbieten müsse, als Ventil. Daraus resultierte die DEFA-Serie „Stacheltiere“ mit insgesamt 260 satirischen Filmen. Mit dem Auftrag, zwar zum Lachen, aber auch „politisch richtig“ zu sein, ein Paradoxon, das die Kulturwissenschaftlerin Sylvia Klötzer beschreibt. „Satire mit Maulkorb“ sei das gewesen, zitiert sie den ehemaligen „Eulenspiegel“-Autor – und Parteisekretär – Hans Seifert. „Was für eine Bewandtnis muss es mit Satire auf sich haben in einem Land, wo das hauptstädtische Kabarett, die ‚Distel’, ‚Träger des vaterländischen Verdienstordens in Silber’ ist, wo die einzige für diese Spezies lizenzierte Wochenzeitung für Satire und Humor, der ‚Eulenspiegel’, mit dem ‚Banner der Arbeit’, Stufe I, ausgezeichnet ist“, fragte schon 1984 der Wissenschaftler Joachim W. Jaeger. Harmlose Ulknummern, Spitzen gegen den Klassenfeind wurden von der Obrigkeit begrüßt, Witze über Tücken des Alltags gelitten, aber innenpolitische Satire mehr und mehr zensiert, Systemkritik geahndet. „Die waren sich schon bewusst, dass sie am Angelhaken der SED hingen, Pausenclowns waren und den freiheitlichen Sozialismus suggerieren sollten“, sagt Sylvia Klötzer, die mit vielen ehemaligen Berufskabarettisten und Satirikern gesprochen hat. Aber es habe Versuche gegeben, um die Regeln herumzulavieren. Vor allem in Kabaretts wie dem Potsdamer „Kabarett am Obelisk“ oder der Dresdner „Herkuleskeule“, die etwa 1986 einen SED-Parteitag parodierte. „Das lotete schon die Grenzen aus“, sagt Klötzer.

Was ist 20 Meter lang und hat keine Zähne? Die erste Reihe des Zentralkomitees der SED.

„Was darf die Satire?“ Tucholskys Frage stellte sich auch mit Blick auf den ‚Eulenspiegel’, der eine Auflage von 500 000 Exemplaren hatte. „Die Chefredakteure waren in einer klassischen Sandwich-Position: Sie konnten nicht völlig über die Redaktion hinweggehen, gleichzeitig waren sie aber der interne Zensor und bekamen Anrufe vom Zentralkomitee“, sagt Klötzer. Wie bissig die Karikaturen und Texte ausfielen, hing letztlich stark vom Mut des Leiters ab.

Der Witz genoss sein Outlaw-Dasein und kursierte bissig durch die Republik. Angesichts der hohen Zahl überlieferter DDR-Witze stellt sich aber die Frage, ob auch eine professionelle Witz-Maschinerie wirkte. „Es ist schon zu vermuten, dass zensierte Kabarettisten einzelne Elemente in Umlauf brachten“, sagt Borchardt. „Innerhalb von zwei, drei Tagen haben sich neue Witze in der DDR verbreitet.“ Aber auch das SED-Regime war wohl nicht untätig. So hält sich das Gerücht, dieses habe „Polenwitze“ lanciert, als dort die Gewerkschaftsbewegung erstarkte. Dass der Westen zersetzende Witze in Umlauf brachte, hält Borchardt für unwahrscheinlich. Auch im bierernsten Staatsdienst der DDR waren Witze gefragte Ware, wie eine – belegte – Anekdote zeigt: Einmal beschlagnahmte der Zoll in der DDR Hefte der West-Berliner Satirezeitschrift „Tarantel“. Das Bündel sollte in Ostberlin vernichtet werden. Doch das Ziel erreichten nur wenige Hefte – auf dem Weg über Kreis- und Bezirksämter hatte es einen gewissen Schwund gegeben …

Joachim W. Jaeger: „Humor und Satire in der DDR – Ein Versuch zur Theorie“; 1984. Sylvia Klötzer: „Satire und Macht – Film, Zeitung, Kabarett in der DDR“; 2006. Ulrike Häußer, Marcus Merkel: „Vergnügen in der DDR“; 2009.

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