Welt : Humor und Kälte

Matthias Thibaut

Man stelle sich vor, die Königin feiert ihr 50. Betriebsjubiläum und keiner geht hin. Zwar geht es erst Anfang Juni mit den Feiern los, wenn die Sonne auf die Straßen lockt. Aber seit Wochen prophezeien die britischen Medien eine königliche Blamage. Monarchistische Zeitungen werfen der Labourregierung mangelnde Begeisterung und dilettantische Organisation vor. Andere unterstreichen mit Umfragen die Lustlosigkeit der britischen Untertanen an ihrer Monarchie heraus. Manche, wie der "Guardian", träumen, kaum verhohlen, ihre republikanischen Träume.

Sogar Prinz Harry läuft wieder aus dem Ruder. Lieber als bei Großmutters Jubiläum vom Balkon am Buckingham Palace zu winken, wäre der neue Schreck des Königshauses am 2. Juni nämlich in Saitama bei der Fußballweltmeisterschaft, wenn England gegen Schweden spielt. Doch im Buckingham Palace gibt man sich gelassen. "Wenn ich das mal so sagen darf," bemerkt Lord Sterling of Plaistow, der die Presse zu Gin und Tonic geladen hat, "wir Briten sind bei solchen Sachen ziemlich gut".

Der Lord sieht aus, als sei er gerade nach einem ausgiebigen Lunch aus einem der Herrenclubs am Pall Mall herübergeschlendert. Aber wenn er als Organisator der Jubiläumsfeierlichkeiten im Juni Pomp und Zeremoniell, Feuerwerk und Umzug, Festgottesdienst und Gospel Singers, Straßenfeste, Militärbands und ein Rockkonzert mit Großleinwandübertragung in allen Londoner Parks verspricht, weiß er, wovon er redet. Immerhin ist Lord Sterling im Hauptberuf als Chairman des Kreuzfahrtunternehmens P&O Princess sozusagen in der Entertainment Branche tätig. Auch Organisationstalent hat er. Als die Labourregierung vor zwei Jahren durch die Benzinproteste in Bedrängnis kam, rief sie den Konservativen zur Hilfe. Und an seiner monarchistischen Gesinnung ist kein Zweifel.

Historisch gesehen ist das Jubiläum der Queen heute. Der 50. Jahrestag der Thronbesteigung ist identisch mit dem Todestag ihres Vaters. Die prunkvolle Krönungszeremonie in der Westminster-Abtei in London folgte erst nach einer angemessenen Trauerzeit am 2. Juni 1953, also mehr als ein Jahr später. Weil die Thronbesteigung automatisch mit dem Tod des Vaters erfolgte, ist dieser Tag ohne jede Feier der Nachdenklichkeit und Besinnung im Schloss Sandringham vorbehalten. In Schloss Sandringham starb König Georg VI. in den Morgenstunden des 6. Februar 1952 und löste so die "Operation Hyde Park Gardens" aus.

Codewort Hyde Park

Man war schockiert und überrascht. Immerhin war der König am Tag noch auf der Jagd gewesen und hatte, wenn man dem Bericht von Lord Fermoy glauben darf, neun Hasen und eine Taube erlegt - "alle sauber erwischt". Aber man war vorbereitet. Seit der König im September seine Krebsoperation hatte, hatte man immer wieder die Rituale der Thronbesteigung geprobt. Auf Reisen führte Elizabeth stets Trauerkleidung mit sich und ihr Privatsekretär hatte die Dokumente der Thronbesteigung im Koffer.

Dann kam alles anders. Die Edinburghs waren in Afrika, Zwischenstopp auf dem Weg nach Neuseeland. Als der König starb und die schwere Stunde der Amtsübernahme gekommen war, saß die 26-jährige Elizabeth Alexandra Mary in Jeans in einem wilden Feigenbaum in Kenia und fotografierte Nashörner. Das Telegramm mit dem Codewort "Hyde Park Gardens" landete, statt in Kenia, vermutlich irgendwo am Hyde Park und die Trauerkleider waren schon auf den Weg nach Neuseeland voraus geschickt. Auch im Radio wurde die Meldung nicht sofort verbreitet: Die BBC musste erst John Snagge suchen, den einzigen Sprecher, dessen Stimme für die Verbreitung der Todesnachricht vornehm genug war. Doch auf eines war damals Verlass: Respekt hatte man noch vor der Monarchie.

Als die Nachricht schließlich nach Afrika gelangte und die neue Königin im hellen Baumwollkleid das "Treetops Safari Hotel" verließ, um nach London zurückzufliegen, bildeten die mitreisenden Journalisten ein Ehrenspalier. Ein Foto machte keiner.

Das letzte Goldene Thronjubiläum gab es 1887 bei Königin Victoria, die schließlich sogar die Rekordzeit von 63 Jahren auf dem Thron verbrachte und eine Ära prägte. Von einem elisabethanischen Zeitalter ist im Zusammenhang mit der jetzigen Königin keine Rede, anders als in der Aufbruchstimmung 1952. 1977 bei ihrem Silbernen Thronjubiläum war immerhin die Begeisterung noch groß. Weitere 25 Jahre später ist die Jubel-Laune gedämpft. Die meisten Menschen heute hätten "keine Erinnerungen an das Empire, den Krieg, die Thronfolge und die Krönung, aber sie haben viele Erinnerungen an eine tote Prinzessin und zerbrechende Ehen im Königshaus", versucht die "Sunday Times" zu erklären. Wenn heute etwa die Hälfte der Briten bezweifelt, dass die Monarchie noch lange überlebt, dann liegt das am Erscheinungsbild der nachfolgenden Generationen - vor allem den Auftritten der Kinder Charles, Andrew, Anne und Edward und deren derzeitigen, früheren oder künftigen Lebenspartnern. Jetzt ist auch Prinz Harry dazugekommen, der Enkel, der durch wilde Partys und übermäßigen Alkoholgenuss von sich reden machte. Die Königin gilt als "kühl" und fleißig. 1949, als Thronfolger Charles noch ein Baby war, kehrte sie, noch Prinzessin, von einer fünfwöchigen Überseereise zurück und arbeitete vier Tage lang Akten auf, bevor sie den Sohn ansah. Charles hatte sich bei Vertrauten über den Mangel an Elternliebe beklagt. "Sie mag keine Emotionen", zitiert Biograf Graham Turner einen Höfling. Warum sollte sie fremde Babys küssen, wenn sie das schon mit den eigenen nicht tat? Anders als Prinzessin Diana sitzt sie nicht auf Krankenbetten und fasst keine Aidskranken an. Turner: "Sie mag - und zwar in dieser Reihenfolge - Hunde, Pferde, Männer und Frauen." Wenn morgens um 9 Uhr unter ihrem Fenster der Dudelsackspieler einen 15-minütigen Weckruf spielt, dann redet sie erst einmal lange mit den Hunden. Mit Menschen, vor allem Frauen, tut sie sich schwerer.

"Charles ist für sie einfach der falsche Sohn, zu hilfsbedürftig, zu verletzlich, zu emotional, zu kompliziert, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie kann genau solche Leute nicht leiden", sagt ein Höfling.

Nach dem Tod von Prinzessin Diana 1997 verweigerte die Königin trotzig jede Geste des Trauerns. Erst als die Regierung Unruhen befürchtete, lenkte sie ein und gewann die Öffentlichkeit mit einer Rede im Fernsehen wieder zurück. Mit Prinz Philip ist sie seit mehr als 54 Jahren verheiratet. Nach anfänglicher wilder Leidenschaft hat Philip gerne diskret die Gesellschaft anderer Frauen gesucht. "Die Qualität der Königin besteht darin, über Toleranz im Überfluss zu verfügen", sagt Philip. Die Frau ist unprätentiös. Gästen räumt sie Berichten zufolge selbst die Teller vom Tisch. Humor hat sie auch. Bei einer Gartenparty kam sie mit einem jungen Paar ins Gespräch, als das Mobiltelefon der Frau klingelte. Die Königin sagte der verlegenen Frau: "Sie sollten drangehen. Vielleicht ist es jemand Wichtiges."

Schon ist das Golden Jubilee zum Existenztest für die Monarchie hochgespielt worden. Wenn die Königin im 21. Jahrhundert wirklich die Symbolfigur für nationale Einheit und Kontinuität ist, dann werden sich die Menschen schon zum Feiern um die Monarchin scharen.

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