Welt : Hunderttausende wollen zum toten Papst

Begleitet von scharfen Sicherheitsvorkehrungen erweisen Hunderttausende Gläubige Papst Johannes Paul II. die letzte Ehre. Der Leichnam des Kirchenführers ist im Petersdom aufgebahrt. Rund um den Vatikan herrscht Chaos: In den Straßen bildeten sich kilometerlange Schlangen.

Rom (05.04.2005, 15:34 Uhr) - Bis Dienstagnachmittag zogen bereits 340 000 Menschen an dem Katafalk vorbei, auf dem der tote Pontifex im Petersdom aufgebahrt ist. Die Gläubigen mussten viele Stunden warten, um zu dem Leichnam zu gelangen. Die Kardinäle legten auch am Dienstag noch keinen Termin für die Wahl eines Nachfolgers (Konklave) fest. Das sagte Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls im Anschluss an die zweite Sitzung der Kardinalskongregation nach dem Tod von Johannes Paul.

Das Konklave kann frühestens 15 Tage nach dem Papsttod, also am 17. April, zusammentreten. Es muss aber spätestens 20 Tage nach dem Tod beginnen. Dabei sollten alle 117 wahlberechtigten Kardinäle aus der ganzen Welt anwesend sein. Als Neuerung gegenüber früheren Konklaven dürften sich die Kardinäle diesmal innerhalb des gesamten Vatikans bewegen, sagte ein Kurienmitglied. Johannes Paul II. habe diese Neuerung 1996 selbst festgelegt. Auch diesmal werde es wieder das alte Ritual mit weißem Rauch als Zeichen der Papstwahl geben.

Am Freitag zelebriert der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger auf dem Petersplatz die Totenmesse. Dazu werden 200 Staats- und Regierungsoberhäupter aus der ganzen Welt erwartet. An der Trauerzeremonie nehmen neben US-Präsident George W. Bush und UN- Generalsekretär Kofi Annan auch Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder teil.

Die italienischen Behörden setzen 15 000 Sicherheitskräfte ein, der Luftraum über Rom wird teilweise gesperrt. Bei der Messe wird auch der Sarg des Papstes auf dem Petersplatz zu sehen sein. Danach wird Johannes Paul II. in der Krypta unter dem Petersdom beigesetzt - wenige Meter vom Grab des Apostels Petrus entfernt.

Der Petersdom soll in den kommenden Tagen fast rund um die Uhr geöffnet bleiben. Nur in der Nacht wird die Kirche jeweils für wenige Stunden geschlossen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen werden etwa 300 Pilger pro Minute und 20 000 pro Stunde in die Basilika eingelassen. In den kommenden Tagen werden bis zu vier Millionen Menschen erwartet, die sich von dem verstorbenen Kirchenoberhaupt Abschied nehmen wollen.

Die Europäische Kommission wird die Flaggen am Tag der Beerdigung des Papstes auf Halbmast setzen, entschied Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Eine festgeschriebene Regelung dafür gebe es nicht, erklärte eine Kommissionssprecherin. Die Mehrzahl der Mitgliedstaaten verfahre aber ähnlich.

Der UN-Sicherheitsrat hatte Papst Johannes Paul II. am Montagabend mit einer Schweigeminute geehrt. Zugleich bekundeten die Botschafter der 15 derzeitigen Mitgliedsländer des höchsten politischen Entscheidungsgremiums der UN den Katholiken in aller Welt ihr Beileid. UN-Generalsekretär Annan würdigte Johannes Paul II. als einen «unermüdlichen Anwalt des Friedens». Er sei «ein wahrer Pionier des Dialogs zwischen den verschiedenen Religionen» gewesen.

In Polen wurden zur nationalen Trauermesse für Johannes Paul II. am Dienstag in Warschau mehr als 200 000 Menschen aus dem ganzen Land erwartet. An der Feier, die Kardinal Jozef Glemp zelebrieren sollte, wollten auch die Spitzen von Staat und Regierung teilnehmen.

Zur zentralen Trauermesse in Deutschland werden an diesem Mittwoch Schröder (SPD) und sein Kabinett erwartet. An dem Pontifikalrequiem in der rund 1000 Plätze zählenden Johannes-Basilika neben der Apostolischen Nuntiatur nehmen zudem Vertreter des Parlaments, der Länder und des diplomatischen Korps teil. Zelebriert wird der Trauergottesdienst gemeinsam vom Vertreter des Heiligen Stuhls in Deutschland, dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Erwin Josef Ender, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, und dem Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky.

Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann beanstandete unterdessen Art und Umfang der Beisetzungsfeierlichkeiten. «Was an diesen Tagen passiert, erinnert an die Trauerfeierlichkeiten eines Ayatollah Khomeini», sagte Drewermann im Fernsehsender n-tv. Der gestorbene Papst sei mit dem gleichen Absolutheits- und Unfehlbarkeitsanspruch wie der islamische Religionsführer aufgetreten. Dabei benötige die katholische Kirche die Freiheit, unterschiedliche Meinungen gelten zu lassen. Dieser Weg sei mit Johannes Paul II. nicht möglich gewesen. (tso)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben