Welt : Hunger nach Leben

Rose-Marie Voser-Melliger warb im Fernsehen für Organspenden. Dann brauchte sie selbst ein neues Herz – und starb bei der Transplantation

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Rose-Marie Voser-Melligers Blut hatte die Gruppe 0. Das wussten die Ärzte im Universitätsspital Zürich, die der 57-Jährigen ein neues Herz einpflanzten. Reine Routine, es sollte die 305. Herztransplantation in dem renommierten Krankenhaus sein. Dann unterlief den Ärzten ein verhängnisvoller Fehler: Der Patientin wurde ein Organ mit der falschen Blutgruppe eingepflanzt. Noch im Operationssaal wehrte sich Rose-Marie Voser-Melligers Körper gegen das fremde Herz – „hyperaktive Abstoßreaktion“ nennen die Ärzte dieses Phänomen. Die Chirurgen begannen, ein Kunstherz als Übergangslösung zu implantieren. Vergeblich: Rose-Marie Voser-Mellinger starb noch im Operationssaal des Spitals.

Fieberhafte Suche

Das Schicksal der herzkranken Frau verursacht jetzt in der Schweiz einen Medizinskandal. Wie sicher sind die angesehenen Krankenhäuser des Landes tatsächlich, fragen sich die Patienten. Das liegt auch daran, dass ein Kamerateam Rose-Marie Voser-Melliger bis zum letzten Tag begleitet hatte. Unermüdlich hatte sich Voser-Melliger für Organspenden engagiert und in den Schweizer Medien für Organspendeausweise geworben. Als sich dann ihr Zustand verschlimmerte, suchte die Stiftung für Organspende und Transplantation fieberhaft in ganz Europa ein neues Herz für Voser-Melliger.

Wer hat Schuld an ihrem Tod? „Bei der verstorbenen Herzpatientin lag der Fehler eindeutig beim Universitätsspital Zürich“, sagte die Direktorin des Hauses, Christiane Roth. „Kommunikationsprobleme und menschliches Versagen“ hätten den fatalen Fehler verursacht. Noch nie zuvor sei in der Schweiz ein solches Unglück passiert. Die Untersuchung der Staatsanwälte im Spital konzentriert sich jetzt auch auf kommunikative Pannen.

Der Basler Anästhesist Daniel Scheidegger, der über Ärztepfusch geforscht hat, nennt eine erschreckende Zahl: „Bei über 80 Prozent aller Zwischenfälle ist die Kommunikation das Problem.“ Viele Mediziner seien einfach nicht für eine reibungslose Teamarbeit und Notfalllogistik geschult worden, glaubt Scheidegger.

Neben den Ärzten müssen sich auch die Macher der Sendereihe „10 vor10“ unangenehme Fragen gefallen lassen. Ist es ethisch zu rechtfertigen, eine schwer leidende Frau – trotz ihrer Einwilligung – zu filmen? „Wir begleiteten die Patientin nur bis vor den Operationssaal, der Fehler ist aber klar anderswo passiert“, erklärte der „10 vor10“-Redaktionsleiter, Klaus Vieli, in einem Interview.

Jeder Versuch, den Pfusch zu erklären, ist hilflos. „Die Verwechslung der Blutgruppe ist sehr tragisch“, sagt der Tessiner Medizinethiker Alberto Bondolfi. „Aber ein solcher Fehler kann trotzdem immer passieren.“ Auch Ludwig von Segesser, Chefarzt der Herzchirurgie am Universitätsspital Lausanne, nimmt seine Zürcher Kollegen in Schutz: „Technisch ist die Operation nicht sehr anspruchsvoll, doch es bestehen große Anforderungen an die Logistik.“ Letztlich, davon gehen viele Fachleute aus, hat sich der Fehler irgendwo in der Transportkette zwischen dem Spender und Voser-Melliger eingeschlichen. Wurden die Blutproben im Labor verwechselt? Hat jemand nach einem Gespräch die falschen Koordinaten in die Datenbank eingegeben?

Offene Fragen

Die offenen Fragen des Dramas verunsichern viele Kranke zwischen Genfersee und Bodensee. Die unlängst gegründete Schweizer „Stiftung für Patientensicherheit“ verlangt deshalb von der Politik ein besseres Qualitätsmanagement. Zunächst jedoch hat das Universitätsspital in Zürich reagiert. In den nächsten zwei Monaten sollen dort die Herzchirurgen nicht mehr operieren. Und die rund zehn Personen, die an dem fatalen Eingriff mitwirkten, werden psychologisch betreut. Öffentlich darf sich der Mediziner, der die Verantwortung für Rose-Marie Voser-Melligers Operation trug, nicht äußern. Die Zürcher Bezirksanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

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