Hungertod von Lea-Sophie : Zu den Akten

Das Jugendamt wurde mehrfach auf Lea-Sophie aufmerksam gemacht, trotzdem blieb es untätig. Vor zwei Monaten ist das Kind verhungert.

Andreas Frost[Schwerin]

Knapp zwei Monate nach dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie in Schwerin haben Mitglieder des Schweriner Stadtrats die Entlassung von Sozialdezernenten Hermann Junghans (CDU) gefordert. Silvio Horn (Unabhängige Bürger) warf Junghans vor, Lea-Sophie würde noch leben, „wenn das Jugendamt unter seiner Führung nicht so viele Fehler gemacht hätte“. Die Kleine hatte nach dem Obduktionsbericht über mehrere Monate hinweg zu wenig zu essen und zu trinken bekommen. Bei ihrem Tod im November wog das Mädchen nur noch 7,4 Kilogramm. Die 23-jährige Mutter und der 26-jährige Vater sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird gemeinschaftlicher Totschlag vorgeworfen.

Horn und auch Manfred Strauß (Bündnis 90/Grüne) sowie einige Sozialdemokraten stützen ihre Kritik auf Details aus den internen Unterlagen des Jugendamtes. Demnach wurde der Großvater des Mädchens seit 2006 mehrfach beim Jugendamt vorstellig. Er bemängelte, dass seine Enkelin nicht in den Kindergarten geschickt und nicht zu Vorsorgeuntersuchungen gebracht wurde. Von einem auffällig mageren Kind ist in den Notizen des Jugendamtes die Rede, von sprachlichen Entwicklungsrückständen und von ihrer angeblichen Angst vor dem Vater. Der Großvater geriet jedoch immer wieder an andere Sozialarbeiter, die ihre Notizen offenbar lediglich in ihre persönliche Ablage steckten. So wusste der nächste Sozialarbeiter nichts über die vorherigen Beschwerden des Großvaters.

„Es gab deutliche Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung“, sagt Horn. Das Jugendamt hätte diesem Hinweis entsprechend einer internen Dienstanweisung auch nachgehen müssen. In der Anweisung seien sogar Untergewicht und Sprachprobleme ausdrücklich als mögliche Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung genannt. Trotzdem gab es keinen Hausbesuch und keine Mitteilung an die Jugendamtsleiterin. Nur ein Sozialarbeiter lud Lea-Sophies Eltern im Herbst 2006 zweimal ins Jugendamt ein. Als sie nicht kamen, ließ er den „Fall“ auf sich beruhen. Nach weiteren Hinweisen wurden die Eltern eine Woche vor dem Tod Lea- Sophies erneut zum Jugendamt gebeten. Sie kamen mit ihrem acht Wochen alten Sohn und machten einen guten Eindruck. Lea-Sophie sei „bei Bekannten“ behaupteten sie. Vermutlich lag das Mädchen vollkommen geschwächt zu Hause im Bett.

Sozialdezernent Junghans bleibt bei seinem Standpunkt, es habe keine Fehler gegeben, die dem Jugendamt vorzuwerfen seien. Nach Angaben der „Schweriner Volkszeitung“ dokumentiert der erste Zwischenbericht des Bürgermeisters Norbert Claussen (CDU) über den Fall Lea-Sophie „diese offensichtlichen Versäumnisse“ nicht. Strauß kritisiert zudem, dass Claussen rund 150 Fragen von Ausschussmitgliedern nicht beantwortet habe.

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