Hurrikan "Matthew" erreicht die USA : Wie schlimm ist dieser Sturm?

Seit einer Woche wütet Hurrikan „Matthew“. Nun ist er an der Küste Floridas angekommen. Die Schäden sind noch nicht absehbar.

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Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern erreichte der Hurrikan am Freitagmorgen die Ostküste Floridas.
Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern erreichte der Hurrikan am Freitagmorgen die Ostküste Floridas.Fotos: Mark Wilson/AFP

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern ist der Wirbelsturm „Matthew“ am Freitag an der Südostküste der USA angekommen. Nach seinem Verwüstungskurs durch die Karibik mit hunderten Toten bewegt sich der Hurrikan entlang der Küste von Florida nach Norden und richtete an Land schwere Schäden an. Mehrere Millionen Menschen hatten sich vor dem Sturm in Sicherheit gebracht.

Welchen Kurs nimmt „Matthew“?

„Wie eine Kreissäge“ fräse sich der Sturm die Küste von Florida hinauf, schrieb der Meteorologe Mike Thomas auf Twitter. Das Auge des Hurrikans, an dessen Rändern die zerstörerischsten Winde herrschten, blieb zwar auf dem Meer, doch die „Wand“ des Auges sorgte an der Küste für schwere Verwüstungen. Experten warnten zudem vor den Folgen erwarteter Sturmfluten. An einigen Stellen sollen fünf Meter hohe Wellen gemessen worden sein – eine ernste Bedrohung für die dicht besiedelte Küstenregion. Zudem drohten Überschwemmungen durch schwere Regenfälle.

Wie sich Hurrikan "Matthew bewegt
Wie sich Hurrikan "Matthew bewegtFoto: Tsp/U. Schilli

Nach den Berechnungen der Wetterdienste wurde erwartet, dass „Matthew“ seinen Kurs an der Küste entlang nordwärts bis nach Georgia und South Carolina beibehält und im Laufe des Wochenendes in Richtung Osten auf den Atlantik hinaus abdrehen wird. Das US-Wetteramt stufte „Matthew“ am frühen Freitagmorgen in der Sturmskala von Kategorie vier auf drei herab. Doch eine Entwarnung ergibt sich daraus nicht. Eine vergleichsweise geringe Kursabweichung von 30 oder 40 Kilometern Richtung Westen würde das Auge des Hurrikans direkt an die Küste bringen. Die Behörden hielten es am Freitag weiter für möglich, dass dies geschehen könnte. So wurden in South Carolina am Freitag sicherheitshalber mehr als 300.000 Menschen aus küstennahen Gebieten evakuiert. Charleston, die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates mit rund 120.000 Einwohnern, zählte zu den von Sturmfluten bedrohten Gegenden. Die Stadt war 1989 von Hurrikan Hugo stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Was ist über Schäden bekannt?

Der Wind entwurzelte Bäume, zerriss Stromleitungen und knickte Verkehrsschilder und große Reklametafeln um. Mehr als eine halbe Million Haushalte in Florida waren am Freitag ohne Strom, zudem gab es Berichte über vereinzelte Brände. Tausende von Flug- und Zugverbindungen wurden storniert. Augenzeugen berichteten zudem von starken Stürmen in der Nähe des Weltraumbahnhofs Cape Canaveral, doch entging die Gegend nach ersten Berichten größeren Zerstörungen. In Medienberichten war von mindestens einem Todesopfer die Rede: Eine 58-jährige Frau erlitt einen Herzinfarkt und starb, weil der Notarzt wegen des Sturms nicht ausrücken konnte.

„Matthew“ sei stark genug, um ganze Gegenden auf Monate hinaus unbewohnbar zu machen, warnte das Wetterzentrum in Melbourne südöstlich von Orlando. Eine besondere Gefahr ging von umherfliegenden Trümmerteilen aus, die „wie große Projektile“ durch die Luft schossen, wie die Experten warnten. Alle Menschen, die die Gegend noch nicht verlassen hätten, sollten in ihren Häusern bleiben. Der Gouverneur von Florida, Rick Scott, warnte die Bürger am Freitag, die schlimmsten Auswirkungen des Hurrikans in Form von Sturmfluten stünden wahrscheinlich noch bevor. Insbesondere tief gelegene Küstengebiete seien gefährdet. Präsident Barack Obama sagte, das ganze Ausmaß der Schäden werde erst in einigen Tagen erkennbar werden. „Wir sind immer noch am Anfang“ des Sturms.

In Haiti hat der Hurrikan ganze Dörfer komplett zerstört. Hunderte Menschen ließen ihr Leben.
In Haiti hat der Hurrikan ganze Dörfer komplett zerstört. Hunderte Menschen ließen ihr Leben.Foto: AFP

Was tun die Behörden?

Gouverneur Scott hatte die Bewohner seines Bundesstaates schon seit Tagen vor dem „Monster Matthew“ gewarnt. Immer wieder wurden mehr als zwei Millionen Menschen im Süden Floridas aufgerufen, die gefährdeten Küstengebiete zu verlassen: „Dieser Sturm wird euch töten“, sagte Scott. Viele folgten den Appellen, andere blieben zu Hause; am Freitag berichteten die Rettungskräfte, es gebe Notrufe von Menschen, die nach Beginn des schweren Sturms jetzt doch ihr Haus verlassen wollten.

Nicht zuletzt wegen der schweren Zerstörungen und der vielen Todesopfer in Haiti rief Präsident Obama vorsorglich für Florida, Georgia und South Carolina den Notstand aus, um schnelle Hilfe der Bundesbehörden zu ermöglichen. Die Nationalgarde stand zum Eingreifen bereit. Gouverneur Scott forderte am Freitag die Hilfe der Regierung in Washington in Form von Nahrung, Wasser und Stromgeneratoren an. Zugleich betonte er, durch die Evakuierung der südlichen Teile des Bundesstaates hätten sich viele Menschen in Sicherheit bringen können. Rund 22 000 Menschen wurden nach Scotts Worten in Notunterkünften untergebracht.

Hat Florida schon ähnliche Stürme erlebt?

Florida ist Hurrikan-Gebiet, doch Experten waren sich am Freitag einig, dass „Matthew“ der schlimmste Sturm seit Jahren ist. In einigen Gebieten des Bundesstaates, wie etwa in Jacksonville in der Nähe der Grenze zu Georgia, galt zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten eine Sturmwarnung. Vergleichbar ist „Matthew“ mit Wirbelsturm „Wilma“, der im Jahr 2005 für Verwüstungen sorgte. Auch 2004 und 1992 erlebte Florida schwere Stürme. Der schlimmste Hurrikan der jüngeren US-Geschichte, „Katrina“, richtete im Jahr 2005 vor allem in New Orleans schwere Zerstörungen an; mehr als 1200 Menschen starben.

Wird der Sturm auch zum Thema im Wahlkampf?

Noch bevor das ganze Ausmaß der Sturmschäden bekannt war, meldeten sich Gegner von Präsident Obama zu Wort und warfen ihm vor, die Gefahr durch „Matthew“ bewusst übertrieben zu haben. Der einflussreiche rechtskonservative Blogger Matt Drudge schrieb auf Twitter, die Anhänger des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump fragten sich, ob das Land von der Regierung angelogen werde, weil diese die Menschen unbedingt von der Gefahr durch den Klimawandel überzeugen wolle. Drudge warf dem US-Wetteramt vor, aufgrund eines „Monopols auf Daten“ die Auskünfte über den Hurrikan manipuliert zu haben. Trump und andere konservative Politiker bestreiten die Existenz des Klimawandels und beklagen eine Zunahme von umweltpolitischen Vorschriften, die das Wirtschaftswachstum der USA abwürgten.

In der Nacht auf Freitag zog der Sturm über die Bahamas.
In der Nacht auf Freitag zog der Sturm über die Bahamas.Foto: Dante Carrer/REUTERS

Warum ist dieser Sturm so verheerend?

Bestimmte Faktoren haben dazu geführt, dass „Matthew“ weitere Energie aufgeladen hat und sich nicht abschwächte. Dazu muss man ins Detail gehen. Hurrikane sind tropische Wirbelstürme, die über dem Ozean entstehen. Zuallererst ist warmes Wasser – mindestens 26,5 Grad Celsius – erforderlich. Es ist die Energiequelle für den Riesensturm. Das Wasser verdunstet, große Mengen feuchter Luft steigen auf. Ein Teil der Feuchtigkeit kondensiert, wodurch zusätzliche Wärme frei wird. Diese erwärmt die Luft weiter, so dass sie sich immer weiter ausdehnt, nach oben steigt und dort schließlich zur Seite abfließt. Zugleich bildet sich unten überm Wasser ein Unterdruck, der weitere Luft ansaugt, die ebenfalls feuchtebeladen nach oben steigt.

Wie alle atlantischen Hurrikane wanderte auch „Matthew“ westwärts. Solange der Sturm über warmem Wasser ist, erhält er ständig neue Energie. Trockene Luft oder Scherwinde können diese atmosphärische Maschine schwächen, doch gerade das war bei Matthew nicht der Fall. Binnen 24 Stunden hat er sich so von Kategorie eins bis fünf aufgeplustert und wurde zu einem der stärksten Stürme seit Jahren.

Was hat es mit den Kategorien auf sich?

Am 1. Oktober erreichte er „Matthew“ Windgeschwindigkeiten von über 252 Kilometer pro Stunde und wurde daher in die fünfte und höchste Kategorie der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala eingestuft. Diese Skala, benannt nach einem Bauingenieur und einem Meteorologen, dient der Einordnung von Hurrikanen, die sich ausschließlich nach der Windgeschwindigkeit richtet. Da diese zwischenzeitlich zurückgegangen ist, wurde Matthew zunächst in Kategorie vier und nach dem Überqueren von Kuba in Kategorie drei zurückgestuft. Gefährlich bleibt er trotzdem.

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